„Ich habe es nicht getan,“ sprudelte es aus seinem Munde wider seinen Willen plötzlich los, „kann mich jedenfalls nicht mehr erinnern, schon lange her; der Völler, mit dem ich spielte, kann das auch gewesen sein —“ Er hatte blasses Blut bekommen vor lauter Todesangst; aber der andere verstand ihn ganz richtig, viel richtiger.
„Weshalb muß man Ihnen erst drohen? Sie sind immer ein unbegreiflicher, leichtsinniger Patron. Woher kommt Ihr ganzes Elend? Doch nur, weil Sie über eine Sekunde nicht hinwegkommen. Statt eine Sekunde den Mund zu halten, zu schweigen und sich Ihr Teil zu denken, fangen Sie an zu krakehlen, zu reden, zu schlagen, machen tolle Streiche und stürzen sich und Ihre Eltern ins Unglück. Seien Sie froh, daß ich es bin — ein anderer wäre schon zum Präsidenten zurückgegangen und hätte Sie drei Tage dort nachdenken lassen.“
Klaasen starrte zur Laterne empor, froh, daß der andere doch nicht ein so ganz glänzender Spitzel war. Natürlich hatte er die Laterne eingeschmissen, von vorn bis hinten mitsamt dem Zylinder und Glühstrumpf.
Der Polizist packte ihn beim Arm und zerrte ihn fort. „Jetzt wollen Sie scheint’s gar hier festfrieren. Sie spinnen tatsächlich, mein Lieber — aber ich möchte auch noch zu Bett.“
Eine irrsinnige Wut kochte in dem anderen auf. Hier war nichts mehr Gitter, Zelle, Schlüssel, Gewehre, wenn man auf dem Hofe karussellte, hier war seine Heimat, seine Jugend, Recht auf jeden Pflasterstein und Haustritt.
„Sie reden von meiner Sekunde. Ich meinte diese Laterne, Sie Fürst aller Spione. Sie brauchen nicht in die Tasche greifen, lassen Sie Ihr Auge vor Ihrer Frau, Ihrem kleinen Sohn funkeln, bevor Sie sie ins Genick schlagen. Hier brauch ich nur zu pfeifen; aus allen Fenstern und noch vom Himmel stürzen meine Legionen zu Pferd und Fuß mir zur Hilfe herbei. Ich sage Ihnen für Ihr ganzes Leben“ — schnaufte, strahlte voll harmloser Mordlust, tiefglücklich zuckt seine blasse Sehnenfaust vor die Schlitzaugen, spreizt die Finger zum Fanggriff — „Sie hatten bisher nur Kindsköpfe, Quertreiber und Frömmler zu behandeln oder zu enthaupten. Ich werde alle diese Sekunden noch täglich wiederholen. Ich bin glücklich, Ihnen sagen zu dürfen — hier drei Schritte von meiner endgültigen Freiheit, meinem Elternhaus, meiner Schwester, meinen Büchern — daß ich mein ganzes Leben als unerhörtes Recht empfinde, als Entscheidung gerade diese Sekunden begangen und Euch, Euch diese Sekunden angetan zu habe.“ Der Tartare zuckte die Achseln, grinste freundschaftlich, indem er die Straße hinabspähte, ob keiner zur Hand sei für jeden Fall.
Adelbert Klaasen fühlte dieses selbstbewußte Grinsen zu nahe, als daß er hätte ruhig bleiben können; die Jahre, die er es schon ertragen hatte, schnitten mit einmal gleichsam sein Leben aus aller Zukunft. Kein Büro, kein Hof, keine Zelle, kein Baum und Stein, dem nicht dieses höhnisch unschuldsvolle Grinsen der Ewigkeit von Macht und Herrlichkeit aufgeklebt war. Der Wind klirrte mit den Scherben, und er wollte ihn gerade beim Hals packen, den Tartaren, der hier nichts zu suchen hatte, nur die Luft verpestete. Alles war ihm verekelt, finster und lieber wieder eingesperrt, als auch hier noch ohne Mut; er spie aus und sah das Mädchen an, das im Schneeschein vorüberglitt. Und schon gingen beide beinah versöhnt und brüderlich nebeneinander weiter. Da stand das Haus, es fiel vom Himmel gleichsam unverändert. Sein geliebtes und verfluchtes Bild packte, würgte ihn nieder, der totenstarre Blick der unverhängten Fenster, die beiden Steinbalkone. Sollte er nicht weitergehn, vorbei in eins der anderen Häuser — in irgendeines, gleichgültig welches; nur gerade jetzt und dieses nicht. Denn was er in Fremde, Haft und Verbannung an diesem Augenblick als Erlösung und Gefühl der Bergung empfunden, jubelnd und trostvoll, es war jetzt furchtbare drohende Wirklichkeit. Sein Weg der Schmerzen bis zu diesen Stufen aus blauem Stein war doch Verblendung, Dummheit und Hoffart. Ein Spiel mit der Geduld des Schicksals, das sich täuschen, übertölpeln lassen würde. Aber dieses Hier war grauenhaft und er aufs neue Schuft, Falschspieler und ein geduckter Knabe, dem rote Tinte den Körper ätzt.
O Gott, vielleicht gelang es noch vorbei zu schlüpfen, diesen Druck auf den Klingelknopf zu vermeiden für fünf Minuten, für einen Augenblick — aber der Wärter rief schon mit tadelndem Frohsinn; „Aber wir laufen ja schon vorbei, hier ist ja Nummer zwei. Sieh da, jetzt hast du noch Zeit, mich zu foppen — kennst du denn dein elterliches Haus nicht mehr?“
Sein dicker Finger drückte auf den Knopf, daß das ganze Haus aufschrie. Drei-, viermal. Er lauschte mit gespitztem Ohr dem Schrei der Glocke. Sein pflichttreues Gemüt labte sich am altvertrauten Notschrei — wie oft hatte er schon mit Mordwonne diesem Zeichen gelauscht, ein Jäger auf dem Anstand, das wütend, angstvoll, überreizt unter dem Finger ungezählter Gefangener aufschrillte, um von ihm überhört zu werden. Stundenlang hatte das Opfer auf den Knopf gedrückt — aber dieser gelbe Hund schlich hin, stellte den Strom ab und grinste durchs Guckloch — Tausenden hatte er so mitgespielt und auch jetzt, zu anderem Behufe, versagte die Glocke ihm nicht Beute und kitzlige Sehnsucht. Adelberts Fuß zitterte rasselnd auf dem Stein, dieser Demütigung nicht zu unterliegen, unbändige Freude riß ihm den Hut vom Kopf, schamloseste Trauer, die sein ganzes Innere von Grund auf umleerte, warf ihn an die Mauer, an der entlang er doch nicht fliehen konnte.
Auch öffnete sich das winzige Schiebefenster und ein Auge spähte in die Nacht, in sein Gesicht; ganz trocken sagte seine Mutter, daß sie gleich komme, ruhig, allzu gebändigt. Schlüssel klirrten, verdammte Riegel krachten — wer war eingesperrt? erlöste er? und richtig erschien die Mutter ganz schneeweiß im weißen Glanz des Flurlichtes und hinter ihr schlängelte die rote Spur des Teppichs hinauf zu seiner Stube — und richtig sagte sie guten Abend und reichte dem Tartaren die kleine harte Hand — dann erst ihm den Mund — dann erst rollten ihre Tränen auf seine Backen.