Das Tier aber folgte dem Ruck des Strickes, der um seinen langen Hals geknotet war. Die Borsten aus seinem Schweifbesen spreizten sich wie Schwungfedern zwischen den flachen Mühlsteinen seiner Hinterbatzen. Johannes sah dem hinkenden Gespenst, diesem Galgengerüst des Todes, nach, bis es um die Ecke taumelte, in die Straße versank wie in einen Schlund, der es verdauen würde gleich allen anderen Elenden und Geschlagenen.
Er wandte sich um und seine Blässe spiegelten die Gesichter der Umstehenden, seine Pein drückte auch sie nieder, seine Scham bäumte auch diese dürren Herzen. Es war, als sei Christus zum Kreuzberg geführt, alle wußten darum, alle entschuldigten sich, auch er machte sich davon, aber wo er auch hielt, das Pferd wippte neben ihm, klappte sein ledernes rindiges Maul auf, bleckte die großen Gelbstummel seiner Zähne. Es grinste und fletschte, sabberte lange Fäden Saftes, es leierte die Sprache des langen sicheren Todes, die er erlernen mußte. Sie hatte ihn aufgeschrien, geweckt aus romantischen Mördereien.
Auftauchend aus Gassen und Hinterhäusern trotteten Menschentiere um seine Füße, die Brüder jenes Pferdes. Es sah die Zeichen der Familie auf den Gesichtern, die vorübertanzten. Durch Kleider und Haut mußte sein Blick. Not, Haß, Gier in jeder Falte, knarrten aus Stiefeln, husteten aus morschen Lungen. Die Buckel krümmten sich, schief drehte sich der Hals, das Becken quoll und pries sich an, Beine knickten ein vor Hunger, aus Augen funkelten trübe noch die Tränen durchwachter Nächte.
Wie ein Bad ergoß sich Betäubung über ihn und er zählte seine Schritte, um nicht hinzustürzen: Nieder mit mir! Er ging mit, er gehörte zur Bande. Auch er trug die Zeichen des Aussatzes, auch seine Seele, heimlich wundgescheuert, war beschmutzt und erniedrigt. Einst sog er wie Haschisch Jugend, Stolz berauschte ihn. Das Morphium seiner Träume vergiftete jeden Schmerz, jede Wahrheit, jede Gerechtigkeit: Krasse Gesundheit wiegte ihn in Schlaf.
Er vergaß das Kolleg, seine Stube, Bücher und Zukunft. Er sah mit den Augen des Pferdes, trabend durch die große Stadt: In Schwefelrauch chaotisches Panorama von Armut, Verfolgung, Dummheit, Vergeblichkeit. Er wehrte sich nicht mehr, es war sinnlos. Sinnlos alles, was sich sträubt, vergeblich trachten zu entkommen. Er pilgerte. Gegen den Abend der wie Sonnenfinsternis trübe von Schnee und Qualm über Dächer und Fassaden troff, schleppte er sich zurück. Seine müden gepeitschten Knochen hielt nur mehr diese Hoffnung: „Auf die Knie vor ihr!“ dröhnte sie durch seinen gelähmten Schädel. Seine Lippen murmelten ihren Namen, als er die Treppe emporstieg und demütig anläutete.
Die Heimkehr
Der Schutzmann, dessen Schlitzaugen Bosheit höherer Waltung funkelten, gestattete nicht, daß der ihm anvertraute Sohn das Haus seiner Eltern bezeichnete. Nein, bei jeder Haustüre machte er halt. Sein runder Mongolenkopf quoll aus robusten Schultern auf, die Hausnummer besser zu erkennen, schüttelte sich; dann ging man weiter, der Polizist nörgelnd über schlechte Beleuchtung, schlechtes Wetter, schlechte Zeiten, der Häftling schweigend. In dessen Brust aufschimmerten diese feuchten Fenster wie Tränen, aus diesen dunklen Türen staunten die Gesichter seiner Jugend — das Pflaster war noch immer weißer als anderswo und in der Mitte der Straße grün bemoost. Er hatte den grauen Hut bis auf die Nase gezogen und sein größtes Glück war diese Rabenfinsternis.
In ihm war alles tot, baufällig; weil er die Luft nicht vertrug; schon gar nicht die Luft seiner Heimat, den Raum vor seinen Füßen, diese Straße, die er als Gymnasiast hinauf, hinab gesprungen war.
Gleichwohl sollte das schneller gehn. Er drückte die rechte Schulter vor und fuhr den Tartaren an: „Machen Sie keinen Unfug. Ich kenne doch mein elterliches Haus, was halten Sie denn da vor jeder Laterne? Ich möchte Sie bitten, etwas schneller — gehen — pardon — zu dürfen —“ (Wozu das? stotterte es in ihm weiter, dieser Halunke kennt doch keine größere Freude. Meine Aufregung ist ein Genuß, eine Zigarre, der Lohn für seinen Judasschmerz.)
„Sie werden doch jetzt zum Schluß keinen Fehler begehen wollen. Ich warne Sie, Klaasen! Die Reise ist ohne Zwischenfall verlaufen, den ganzen Tag haben Sie sich bändigen können. jetzt am Ziel werden Sie frech.“ Bleibt stehen, die Laterne zu ihren Häupten ist eingeworfen und flackert. Der Sträfling hat das Gefühl, daß der Tartare ihn fragen wird, ob er diese Laterne eingeworfen habe. Das Protokoll wäre gerecht, aber gleich mit einer Strafe wieder zu beginnen, was würde der Vater — der andere schaute zuerst die Laterne und dann ihn strenge an.