In dieser Bestie aus Elend, Hunger und Müdigkeit wohnte die sanfte Seele eines sterbenden Engels.
Alle mußten ihn sehen, diesen Berg der Verzweiflung mit Flanken, die wie Blasebälge rollten. Ein Gewitter von Schlägen in Kälte, Sturm und Schnee. Jahrelang hatte es nicht mehr auf dem Boden im Stroh schlafen können, weil die Beine zu steif waren, um den großen Leib wieder aufzurichten. Nur Häcksel und feuchtes Gras lagen in dem schmutzigen Sack, den man ihm um den Kopf band.
Die Beine waren an all dem Elend schuld — sie waren von Gicht geschwollen wie rauhe Bäume, an denen noch Astknorren stecken. Die Gicht war schuld, der Fuhrknecht, der in der Kneipe soff, indes es wartete, wartete in Schlamm, im Regen, im Sturm. Die Menschen sind schuld, das Leben, Gott!
Jeder Schritt dieser blind unstet scharrenden Beine riß das Tier zusammen, schüttelte es wie ein Bündel Lumpen.
Der Schweiß des kalten Todes, dessen Nähe es nicht abschütteln konnte, sickerte aus allen Poren. Im Bogen drückte es den Leib durch. Wie eine Brücke von hier ins Jenseits, das bald ein Metzgerhammer an seiner Stirn aufschlagen würde. Vom Bauch kroch graues Weiß wie Schimmel, Todesblässe auf den Rücken. Die Rippen stießen aus der kantigen Wirbelsäule schneidend aus, als sei das Skelett notdürftig mit Haut bespannt, Trommel, auf der jetzt Tod statt Peitsche und Stiefel den Marsch nach Vorwärts hämmerte.
Johannes konnte den Anblick kaum mehr ertragen — ihm ward übel vor Entsetzen. Hier belangte ihn ganz persönlich ein Unbekanntes — Verbrechen, Mord, Lüge, Verführung; Kinderchen sah er vor seinen blutbespritzten Händen fliehen, Mädchen errötend umbrechen vor seinen gierigen Lippen, Eltern weinten um ihn, fluchten ihm; Fremdes ging ihn plötzlich heftig an, dringend, unaufschiebbar, es trat ihm auf die Fersen, seit langem, seit jeher — jetzt erst erkannte er.
Und sah neue entsetzliche Einzelheiten, die seine Augen anzogen, hielten, ihn wehrlos machten.
Man hatte dem Pferde die Hufeisen abgerissen und an den Eisenhändler um zwei Groschen verkauft. Es schlich auf seinen stumpfen Hufen zum Tod wie ein Schwindsüchtiger auf Pantoffeln, lautlos, ohne das Klappern der Eisen, das auch den alten Gaul noch heroisch scheinen läßt.
Und er hielt vor Johannes, der Reiter hielt den Gaul vor ihm.
Seine Augen begegneten den toten Augenquallen des Tieres. Er mußte den Blick senken, er unterlag, er erlosch und ward zerknittert, fortgeschmissen wie ein Zeitungsblatt. Wollust, zertreten zu werden!