Spielend! Er pfiff es fast zwischen den Zähnen und rekelte sich in den Gelenken.

„Man kann sie nicht gerade schön nennen. Aber ihre Augen sind doch erhaben voll großen Feuers, voll Klugheit. Gott sei Dank, sie ist nicht schön, aber klug — schöne Frauen sind dumm — sonst hätte sie nicht mich gewählt, den Unscheinbaren, dem Verlegenheit Blick und Sprache verschlägt. Es stand ihr doch frei, jeden ihrer zahlreichen Freunde, einen der größer, schöner, eleganter ist als ich, zu gewinnen. Aber sie zog mich den Eleganten vor, weil sie die Klugheit der Schönheit vorzieht.“

Er kniff die Augen zusammen wie um Doras Bild besser zu sehen; prüfend zwinkerte er.

„Leider ist sie nicht auch schön; ihre Backenknochen ecken vor und die Nase krümmt sich einwärts, sie ist mager und ihrer blassen Farbe nach leidet sie insgeheim; so schulde ich ihr nichts, denn ihre Liebe zu mir beglückt sie. Die anderen! Sie werden mich beneiden, wenngleich sie über uns lächeln. Aber ich brauche nicht mehr den Erdboden anzuflehen, daß er mich verschlinge.“

Dennoch strauchelte er noch über Hoffnung und Furcht. Seine Übertreibung überlistete er mit Schlauheit. Seiner Empfindlichkeit schuf die elementare Überlegenheit älterer Semester, ihre größere Erfahrung zorniges Unbehagen. Ihr starres Lächeln, umspült vom rauhen Baß väterlicher Nachsicht, ihr Wahn der Vollendung genügte, seine Stellung zu untergraben. Und wie, wenn Dora sich Hoffnungen hingab, vor denen ihm graute, weil er sich lächerlich und brutal zugleich werden fühlte, aus Instinkt heraus, den er wie vorbestimmtes Schicksal nicht bewältigen, überspringen, fliehen konnte.

„Ich muß auch den ersten, zarten Keim eines Anspruches in ihrem Herzen zertreten, ausjäten. Meine Pläne, seit Beginn meiner Gedanken festgelegt, dulden keine Fesselung — ich muß mich hemmungslos umhertreiben dürfen — von Pol zu Pol. Toben muß ich durch Chaos von Welten, dazu gehören Frauen, keine Frau. Und wenn sie auch“ — er schlug diesen Satan zu Boden mit der Hand wie eine Wespe, obwohl sein Herz, des braven Sohnes Herz hart aufpochte. Aber lustig förderte er seinen Schritt weiter, glücklich, daß die Ungeborenen Leichen bleiben mußten.

In solche Gedanken verstrickt hatte er sich den Straßen überantwortet. Er mußte auf die Trambahn warten, um zurückzufahren. Zufrieden und neugierig lehnte er an der Stange, die das Haltezeichen trug und schaukelte sich träge.

Da kam ein Bursche des Wegs. Der zog an einem Strick ein Pferd hinter sich her. Johannes sah, wie das Pferd daherschwebte riesengroß über dem Volk, aus einem Tunnel schwarzer Häuser aufwuchs in Wolken, Atem und Schweiß. Das Pflaster sträubte sich klirrend zwischen den Schienen, die Häuser wackelten, das Tier stieß vor, näher zu ihm, zu ihm. Von Kopf zu Fuß gefror sein Blut zu spitzem Eis, so daß er sich nicht vom Fleck rühren konnte. Der Richter nahte, der ihn wie ein Hölzlein zerbrechen, wie eine Gänseblume zertreten und fortblasen wird.

Der Bursche zerrte den Gaul mit wüsten Flüchen, sein Knüppel wirbelte. Man sah, es ging zum Schlachthof. Das Tier in diesem Wesen war uralt in einem Gestrüpp wolliger Filzhaare. Das Tier fühlte, daß es sterben sollte. Sein Gebein, sein rauhes Fell zitterte unter den Schenkeln des Unsichtbaren, den plötzlich alle sahen. So wie er abgebildet ist: „hoch zu Roß wird er reiten durch die Gassen. Sein Atem tötet, sein Blick tötet, sein Mund verschlingt“. Wild kochte Atem aus verknorpelten Nüstern, die am Straßenschmutz rochen.

Das Pferd des Todes kroch riesengroß herbei, eine Karawane des Elends, ein Begräbnis vor dem letzten Blick: Alle Leiden des Sterblichen, in dem noch Agonie wühlt, spielen sich ab vor den Fenstern, Gesichtern, Bäumen. Es humpelte jeden Schritt, setzte ihn eigens hin. Sein rechtes Hinterbein war ganz verdreht, eine barocke Säule. Nur die Spitze des Hufes schlurfte auf den Boden. Jeder Schritt auf dem nassen, rohen Pflaster biß und zerrte an Mark und Sehnen. Bei jedem Schritt sträubten sich die letzten Fransen seiner Borstenmähne voll Stroh und Spelz. Blicklos rollten durch die Gespensterhöhlen Augen, wehrlos hin und her der spitze, gramverwüstete Schädel.