Auch als der späte Tag sie in langem Schweigen ließ, das ernst und nachdenklich ihr Mund und Blick versperrte, regte sich in ihm weder Ungeduld, noch zwang er sich ab größte Zärtlichkeit.

Wie Spiegelschein blitzte ihre Trauer seinem Aug vorüber, daß ein Stich durchs Herz fast Tränen austrieb.

Hurtig kleidete er sich an und verließ sie, balancierend auf den Zehenspitzen, ohne umzublicken, vorsichtig ihren Schlaf nicht zu stören.

Sie aber schlief nicht, sie lag wach, er wußte, daß ihre Augen weit offen ihn, nur ihn schauten, daß sie sich mit Tränen füllten, weil er ging. Gleichwohl ließ sie ihn gehen, um besser weinen zu können.

Er wollte keine Tränen, keine Reue, keine Scham; er fürchtete seine Verlegenheit, daß sie dalag, und er ging. Johannes aber stand, von leichtem Schwindel gebändigt, auf der Straße, über die grauer Himmel kühlen Wind blies. Er schüttelte sich und atmete mit Wucht aufs neue. Morgenkälte schmolz Zweifel über seine Haltung schnell hinweg.

Häusern, Menschen, Fenstern, Zäunen, den kahlen Pflasterbäumen sah er streng und bissig entgegen und hindurch in fernes Land der Zukunft, das willig seinem neuen Geiste sich entschleierte. Die Schilder der Läden, Maggi, Pilo, Palmona — er wußte, was sie bedeuteten, Aufrufe, Wegweiser zum geheimnisvollen Endziel, das nur er kannte. Imaginäre Kraft seiner Augen durchbohrte Berge und Mauern, dicht, greifbar wesentlich schwante der neue Johannes über den Wolken, Hülle auf Hülle fiel in seinem Innern. Klar ward ihm Wahrheit, Kern all seiner Wege: Gleichgültig wie man lebt, wofür, welchem Beruf — den ewigen Wert seiner Existenz wird jede Form aufnehmen, jede Phase Gärung und Fruchtbarkeit kraft ihrer einzigen Art, Taten zeugen, die Europa erschüttern.

Sein großes Seelen-Ich, aus Wunsch und Eifersucht erblühtes, stand vor ihm auf der Straße feuchtem Pflaster. Ahnung eines reichen, unbeirrbar sieghaften, eines Condottieres, in dem aller Glanz, Esprit, Ehrgeiz und Ruhm des Jahrhunderts knirschend, reflektiert, beflügelte langsam seine Seele zu höheren, überirdischen Regionen. Häuser und Kirchen, Schlote und Fabriken, Banken, Universität; die ganze Stadt mit allen Menschen, Berufen und Geschäften, mit Gelehrsamkeit, Tugend, Dummheit und Elend wogte unkenntlich zu seinen Füßen, krauses Gewölk eines Teppichs den Augen eines Trunkenen.

Auch diese Nacht, das Mädchen, seine bürgerliche nur menschliche Natur lag „da unten“. Vergessen, überwunden, lächerlich. Denn allzulange schon hatte er gemußt: Glauben, hören, überzeugt werden von Büchern und Gegnern. Zu lange schon hatte er gebückt Predigt und Prügel von Mensch, Gott und Erfahrung, dieser Bestie hinter allem Objekt, hingenommen. Verstand fehlte nicht (hieß es), aber man muß seine Phantasie, die schlimmen Instinkte eindämmen, ausrotten, ihm einbläuen, daß nur gilt wer lernt, überall lernt, hört was gesagt wird. So war die Klugheit aller anderen ebenso Macht wie eigene Lähmung, Dummheit und Null. Die Frau war nur die Summe dieser Widerstände, das wandelnde Gleichnis seiner Unterlegenheit. Er identifizierte sie fast.

Weder hatte er gewagt, wie seine Kameraden ins Bordell zu gehn (gerne glaubte er edlere Zaubermacht dem Gelde als solch viehische Vergnügungen), noch erkühnte er sich, eine der hungrigen, wie aus Käfigen entflatterten Studentinnen zu erobern. Im Gedanken waren ihm alle unterlegen, hatte er alle besessen ohne Gewalt; sie ergaben sich seufzend dem Glück, von ihm erlöst zu werden. Die Gegner erbleichten und verwickelten sich in geistlose Tiraden.

Aber Wirklichkeit hatte ihn ernüchtert, seiner Ohnmacht ausgeliefert. Ging er auf der Straße, im Hörsaal einer Frau entgegen, überwältigte ihn aus tiefstem Dunkel aufquellende Schamröte, so daß er oft umkehrte, entfloh, fluchend seiner Feigheit. In einem Winkel dennoch trotz Hohn und Schmähung wider sich, Gelegenheit fiebernd herbei lauerte seine Kraft und Überlegenheit, Tugend und Bildung zu beweisen. Jetzt aber war das Maß endlich voll und er strömte aus, alles was ihn gebändigt, geknebelt und zum Spottbild gezwungen hatte. Spielend war ihm ein Sieg gelungen, der ihn mit einem Schlag der größten Freiheit in die Arme warf. Es war Tag, er und die Welt: Man stand endlich am rechten Fleck.