Die Siebenschläfer
Mitten in der Krönungsfeier trat Dezius, der Kaiser, auf einen Diener zu und riß ihm das Amulett in Form eines Kreuzes vom Hals. Der bändigte ruhig seiner zornverquollenen Augen giftige Blicke; auch als der Kaiser ihn zu töten befahl, lächelte er erhaben.
Wie alle Schwächlinge hatte Dezius insgeheim lange Jahre darüber nachgesonnen, wie sich Geltung verschaffen, Ansehen, Furcht und Gehorsam.
Mit großem Pomp drohte er als erste Regierungshandlung grausamsten Tod allen Feinden des Reiches. Auch heischte Tradition diese Form.
Und dann: nur Mächtige haben Feinde. Also redete und wütete der Kaiser gegen die Feinde, vor allem die Erbfeinde, die Christen. Lauter denn je dröhnten ihre Stimmen von Gleichheit und Brüderlichkeit aus den Kanälen unter der Stadt empor.
Der Kaiser, selbst Frucht eines Aufstandes, rückte wie ein Rasender durch alle Provinzen seines Reiches gegen diese Revolution.
Und es gelang ihm in kurzer Zeit, tausende einfältiger Menschen zur ewigen Seligkeit und Verklärung zu steigern, mit Wunderkraft zu begaben; ihre Namen rauchten wie Sonnenstaub Verklärung über die Mietskasernen und Markthallen und Zirkusstaden; klangen wie ein Programm, sich zu schließen so fest, daß die Heiligen zwischen den Schultern der Brüder eingeklemmt ihren Platz nicht zu lassen brauchten.
Der Kaiser wurde grau und mager. Er unternahm viele Bauten, Politiken, Feldzüge; aber alle Untertanen erkannten aus jeder seiner Verordnungen, wie stark Blutschuld isoliert, wie fremd er der Zeit, taub der neuen Stimme der Bruderliebe war.
Ein omnipotenter Knockabout, dessen Späße lebensgefährlich, dumm und boshaft waren. Man kam nicht auf die Idee, ihm das Genick zu brechen; so sehr war seine Zeit erfüllt, die neue schon vorgeeilt. Man verstand nicht recht, wie er noch möglich sein konnte und duldete seine Metzeleien, weil noch eine Schuld zu sühnen blieb. Andererseits die Überzeugung herrschte, daß geringe Erregung, etwa ein scheuendes Pferd, ein Schnupfen oder ein Ziegelstein genüge, um diese Warze zu ekrasieren.
Die Bewegung zog weite, unwahrscheinliche Kreise. Im Herzen, an einer Stelle ihres Lebens waren alle bereits Christen, deren Blut noch Fühlung hatte. Die Abneigung gegen das starre Gesetz, die verlogene Geste bezahlter Götter, gegen endlose Kriege, wo doch alle Menschen einander lieben und nichts so sehr konnten als Vereinigung zur Verherrlichung der Ideen des Menschensohnes, die gräßliche Völlerei der Reichen, die weniger Menschen aber mehr Gelder wurden und das Mark aus den Rücken der Armen sogen, bis beide seelenlos in Räude faulten. Die Richter, Offiziere, Zuhälter der staatlichen Ordnung, an ihrer Spitze der Kaiser: Eitelkeit, Phrasen, Blutdurst, billige Zirkusmache! Sahen sie nicht in den Herzen leuchtende Klarheit, unabwendbar das Ziel prästabiliert?