Er war überzeugt, daß es nur ihm so ergehe, daß nur bei ihm Genialität und bizarres Kleinbürgertum sich so mische, daß kein Charakter dagegen aufblühen könne. Es war sein Irrtum, daß es nur ihn so schlage, daß er sich dieses Leidens schämte als einer Minderwertigkeit, gegen die er nicht genügend Energie verwende. Er wußte nicht, daß es alle Menschen anwandelt, daß sie, wenn auch nur für ganz kurze Blicke, fremde Augen öffnen und ihre Haut sich spannt vor Entsetzen. Hätte er’s gewußt, er wäre beruhigt gewesen, hätte sich ausgesprochen, womöglich gelacht. So mit den Händen über den feuchten Tisch hin „dieses Etwas“ hinabgewischt.
So jedoch stand er bis zum Hals im Sumpf. Und dieser Sumpf wuchs. Er merkte die Luft über seinem Schädel weniger werden und doch schwerer. Und eine tolle Wut packte ihn, daß unten Räder rollten, Stimmen tosten, Klaviere schepperten und er dastehn mußte und nur fluchen konnte, seufzen, verzweifeln.
Er öffnete die Türe und trat auf den Balkon.
Dieser Balkon war sein Stolz; er führte seine Gäste gerne auf ihn hinaus vor diese Tiefe.
„Da sehen Sie erst, wie hoch ich über allen wohne,“ lachte er üppig mit runder Armbewegung, den Bauch gegen das Gitter pressend. Er öffnete die Tür mit schlaffer Hand; sie gab lautlos nach (sonst gehorchte sie nur ächzend mächtigem Druck). Zu Boden starrend wehte er vor, als sauge ihn ein Ventilator an, der Schwung eines großen Rades, glühend groß wie die Sonne, die drüben brannte. Bis an das gußeiserne Gitter preßte ihn der saugende Mund, vornüber neigte er sich mit vorgestreckten Schwimmerarmen, die jeden Halt fahren ließen. Seine Blicke sanken auf die Tiefe, das Blut rollte wie eine Spielkugel in den Kopf, warf den Körper aus dem Gleichgewicht.
Er ließ ihn gleiten, befreite sich von ihm, er fühlte, daß er falle, wabbernd in breiten Flugflächen wie ein Blatt; denn er schien sehr leicht, schien ein Nichts zu sein an Gewicht. Ja, ein wirkliches Nichts, denn die Droschken rutschten gelassen weiter, die Menschen krabbelten, schwarze und helle Mäuse ihrer Wege, kein Knall, kein Schrei: ein Nichts war abgestürzt!
Und er hatte doch vollkommen durchfühlt, daß er sich löse vom Balkon, vom Zimmer, das ihn bisher beherbergt; daß ihn die Welt ausgespieen hatte, damit er stürze, sein eigener Wille ihn hinausgedrängt aus der Tür — er hatte den Schlag des Todes aufs Pflaster durch alle Knochen schmetternd gespürt, aufatmend sein Blut verspritzt in den grauen Staub der Straße für eine große heilige Sache, die alles Bittere erfordert, weil es so leicht ist.
Er kroch zurück, glitt auf den Boden des Balkons, und seine Augen füllten sich mit Tränen, er weinte in langen Strömen, unfaßbares Leid, unfaßbares Glück.
Und ihm war, als schwebe er mit dem Balkon in reine Höhe, die er nur ertragen konnte, weil sein Körper abgestürzt, zu Staub zerschmettert war. Mit Schluchzen und Stößen senkte aufs neue Besinnung bleiernes Erwachen in den noch Lebenden.
Lächelnd stand er auf, reckte sich, klopfte den Staub von der Hose. Und als er sich umsah, Häuser, Himmel, Wolken, Türme, das Licht wie immerdar, legte er die Hand an die Stirne, als suche er sich, vergebens, eines Vorfalles zu erinnern.