Da sprach des Landes Königin: "Sendet her zu mir 877
Den König vom Rheine: hören soll er hier,
Wie sehr seine Schwester schändet meinen Leib:
Sie sagt vor allen Leuten, ich sei Siegfriedens Weib."

Der König kam mit Recken: als er weinen sah 878
Brunhild seine Traute, gütlich sprach er da:
"Von wem, liebe Fraue, ist euch ein Leid geschehn?"
Sie sprach zu dem König: "Unfröhlich muß ich hier stehn.

Aller meiner Ehren hat die Schwester dein 879
Mich berauben wollen. Geklagt soll dir sein,
Sie sagt: ich sei die Kebse von Siegfried ihrem Mann."
Da sprach König Gunther: "So hat sie übel gethan."

"Sie trägt hier meinen Gürtel, den ich längst verloren, 880
Und mein Gold das rothe. Daß ich je ward geboren,
Des muß mich sehr gereuen: befreist du, Herr, mich nicht
Solcher großen Schande, ich minne nie wieder dich."

Da sprach König Gunther: "So ruft ihn herbei: 881
Hat er sichs gerühmet, das gesteh er frei,
Er woll es denn läugnen, der Held von Niederland."
Da ward der kühne Siegfried bald hin zu ihnen gesandt.

Als Siegfried der Degen die Unmuthvollen sah 882
Und den Grund nicht wuste, balde sprach er da:
"Was weinen diese Frauen? das macht mir bekannt:
Oder wessentwegen wurde hier nach mir gesandt"

Da sprach König Gunther: "Groß Herzleid fand ich hier. 883
Eine Märe sagte mein Weib Frau Brunhild mir:
Du habest dich gerühmet, du wärst ihr erster Mann.
So spricht dein Weib Frau Kriemhild: hast du, Degen, das gethan?"

"Niemals," sprach da Siegfried; "und hat sie das gesagt, 884
Nicht eher will ich ruhen, bis sie es beklagt,
Und will davon mich reinigen vor deinem ganzen Heer
Mit meinen hohen Eiden, ich sagte Solches nimmermehr."

Da sprach der Fürst vom Rheine: "Wohlan, das zeige mir. 885
Der Eid, den du geboten, geschieht der allhier,
Aller falschen Dinge laß ich dich ledig gehn."
Man ließ in einem Ringe die stolzen Burgunden stehn.

Da bot der kühne Siegfried zum Eide hin die Hand. 886
Da sprach der reiche König: "Jetzt hab ich wohl erkannt,
Ihr seid hieran unschuldig und sollt des ledig gehn:
Des euch Kriemhild zeihte, das ist nicht von euch geschehn."