Da sprach sie zu der Königin: "Dünkt es euch nun gut, 1376
So weiß ich, wie gern es mein lieber Vater thut,
Daß er mich zu euch sendet in der Heunen Land."
Daß sie ihr treu gesinnt war, wie wohl Frau Kriemhild das fand!

Die Rosse kamen aufgezäumt vor Bechelaren an. 1377
Als die edle Königin Urlaub hatt empfahn
Von Rüdigers Weibe und von der Tochter sein,
Da schieden auch mit Grüßen viel der schönen Mägdelein.

Sie sahn einander selten mehr nach diesen Tagen. 1378
Aus Medelick auf Händen brachte man getragen
Manch schönes Goldgefäße angefüllt mit Wein
Den Gästen auf die Straße und hieß sie willkommen sein.

Ein Wirth war da geseßen, Astold genannt, 1379
Der wies sie die Straße ins Oesterreicherland
Gegen Mautaren an der Donau nieder:
Da ward viel Dienst erboten der reichen Königin wieder.

Der Bischof mit Liebe von seiner Nichte schied. 1380
Daß sie sich wohl gehabe, wie sehr er ihr das rieth,
Und sich Ehr erwerbe, wie Helke einst gethan.
Hei! was sie großer Ehren bald bei den Heunen gewann!

An die Traisem kamen die Gäst in kurzer Zeit. 1381
Sie zu pflegen fliß sich Rüdigers Geleit,
Bis daß man die Heunen sah reiten über Land:
Da ward der Königstochter erst große Ehre bekannt.

Bei der Traisem hatte der Fürst von Heunenland 1382
Eine reiche Veste, im Lande wohl bekannt,
Mit Namen Traisenmauer: einst wohnte Helke da
Und pflag so hoher Milde, als wohl nicht wieder geschah,

Es sei denn von Kriemhilden; die mochte gerne geben. 1383
Sie durfte wohl die Freude nach ihrem Leid erleben,
Daß ihre Güte priesen, die Etzeln unterthan.
Das Lob sie bei den Helden in der Fülle bald gewann.

König Etzels Herrschaft war so weit erkannt, 1384
Daß man zu allen Zeiten an seinem Hofe fand
Die allerkühnsten Recken, davon man je vernommen
Bei Christen oder Heiden; die waren all mit ihm gekommen.

Bei ihm war allerwegen, so sieht mans nimmermehr, 1385
So christlicher Glaube als heidnischer Verkehr.
Wozu nach seiner Sitte sich auch ein Jeder schlug,
Das schuf des Königs Milde, man gab doch Allen genug.