"Verred es nicht so völlig," die Mutter sprach da so, 16
"Sollst du je auf Erden von Herzen werden froh,
Das geschieht von Mannesminne: du wirst ein schönes Weib,
Will Gott dir noch vergönnen eines guten Ritters Leib."

"Die Rede laßt bleiben, vielliebe Mutter mein. 17
Es hat an manchen Weiben gelehrt der Augenschein,
Wie Liebe mit Leide am Ende gerne lohnt;
Ich will sie meiden beide, so bleib ich sicher verschont!"

Kriemhild in ihrem Muthe hielt sich von Minne frei. 18
So lief noch der guten manch lieber Tag vorbei,
Daß sie Niemand wuste, der ihr gefiel zum Mann,
Bis sie doch mit Ehren einen werthen Recken gewann.

Das war derselbe Falke, den jener Traum ihr bot, 19
Den ihr beschied die Mutter. Ob seinem frühen Tod
Den nächsten Anverwandten wie gab sie blutgen Lohn!
Durch dieses Einen Sterben starb noch mancher Mutter Sohn.

* * * * *

Zweites Abenteuer.

Von Siegfrieden.

Da wuchs im Niederlande eines edeln Königs Kind, 20
Siegmund hieß sein Vater, die Mutter Siegelind,
In einer mächtgen Veste, weithin wohlbekannt,
Unten am Rheine, Xanten war sie genannt.

Ich sag euch von dem Degen, wie so schön er ward. 21
Er war vor allen Schanden immer wohl bewahrt.
Stark und hohes Namens ward bald der kühne Mann:
Hei! was er großer Ehren auf dieser Erde gewann!

Siegfried ward geheißen der edle Degen gut. 22
Er erprobte viel der Recken in hochbeherztem Muth.
Seine Stärke führt' ihn in manches fremde Land:
Hei! was er schneller Degen bei den Burgunden fand!