Als der junge Geiselher sah seinen Bruder todt, 2338
Die noch im Saale waren, die musten leiden Noth.
Der Tod suchte eifrig, wo sein Gesinde wär:
Deren von Bechelaren entgieng kein Einziger mehr.
Gunther und Hagen und auch Geiselher, 2339
Dankwart und Volker, die guten Degen hehr,
Die giengen zu der Stelle, wo man sie liegen fand:
Wie jämmerlich da weinten diese Helden auserkannt!
"Der Tod beraubt uns übel," sprach Geiselher das Kind. 2340
"Nun laßt euer Weinen und gehn wir an den Wind,
Daß sich die Panzer kühlen uns streitmüden Degen:
Es will nicht Gott vom Himmel, daß wir länger leben mögen."
Den sitzen, den sich lehnen sah man manchen Mann. 2341
Sie waren wieder müßig. Die Rüdgern unterthan
Waren all erlegen; verhaßt war das Getos.
So lange blieb es stille, daß es Etzeln verdroß.
"O weh dieses Leides!" sprach die Königin. 2342
"Sie sprechen allzulange; unsre Feinde drin
Mögen wohl heil verbleiben vor Rüdigers Hand:
Er will sie wiederbringen heim in der Burgunden Land.
"Was hilfts, König Etzel, daß wir an ihn vertan, 2343
Was er nur begehrte? Er that nicht wohl daran:
Der uns rächen sollte, der will der Sühne pflegen."
Da gab ihr Volker Antwort, dieser zierliche Degen:
"Dem ist nicht also leider, viel edel Königsweib. 2344
Und dürft ich Lügen strafen ein so hehres Weib,
So hättet ihr recht teuflisch Rüdigern verlogen.
Er und seine Degen sind um die Sühne gar betrogen.
"So williglich vollbracht er, was ihm sein Herr gebot, 2345
Daß er und sein Gesinde hier fielen in den Tod.
Nun seht euch um, Frau Kriemhild, wem ihr gebieten wollt:
Euch war bis an sein Ende Rüdiger getreu und hold.
"Wollt ihr mir nicht glauben, so schaut es selber an." 2346
Zu ihrem Herzeleide ward es da gethan:
Man trug ihn hin erschlagen, wo ihn der König sah.
König Etzels Mannen wohl nimmer leider geschah.
Da sie den Markgrafen todt sahn vor sich tragen, 2347
Da vermöcht euch kein Schreiber zu schildern noch zu sagen
Die ungebärdge Klage so von Weib als Mann,
Die sich aus Herzensjammer da zu erzeigen begann.