Die wund zu Bette liegend vordem gelitten Noth, 274
Die durften nun vergeßen, wie bitter sei der Tod;
Die Siechen und die Kranken vergaß man zu beklagen.
Es freute sich ein Jeder entgegen festlichen Tagen:
Wie sie da leben wollten in gastlichem Genuß! 275
Wonnen ohne Maßen, der Freuden Ueberfluß
Hatten alle Leute, so viel man immer fand:
Da hub sich große Wonne über Gunthers ganzes Land.
An einem Pfingstmorgen sah man sie alle gehn 276
Wonniglich gekleidet, viel Degen ausersehn,
Fünftausend oder drüber, dem Hofgelag entgegen.
Da hub um die Wette sich viel Kurzweil allerwegen.
Der Wirth hatt im Sinne, was er schon längst erkannt, 277
Wie von ganzem Herzen der Held von Niederland
Seine Schwester liebe, sah er sie gleich noch nie,
Der man das Lob der Schönheit vor allen Jungfrauen lieh.
Er sprach: "Nun rathet Alle, Freund oder Unterthan, 278
Wie wir das Hofgelage am besten stellen an,
Daß man uns nicht schelte darum nach dieser Zeit;
Zuletzt doch an den Werken liegt das Lob, das man uns beut."
Da sprach zu dem Könige von Metz Herr Ortewein: 279
"Soll dieß Hofgelage mit vollen Ehren sein,
So laßt eure Gäste die schönen Kinder sehn,
Denen so viel Ehren in Burgundenland geschehn.
"Was wäre Mannes Wonne, was freut' er sich zu schaun, 280
Wenn nicht schöne Mägdelein und herrliche Fraun?
Drum laßt eure Schwester vor die Gäste gehn."
Der Rath war manchem Helden zu hoher Freude geschehn.
"Dem will ich gerne folgen," der König sprach da so. 281
Alle, die's erfuhren, waren darüber froh.
Er entbot es Frauen Uten und ihrer Tochter schön,
Daß sie mit ihren Maiden hin zu Hofe sollten gehn.
Da ward aus den Schreinen gesucht gut Gewand, 282
So viel man eingeschlagen der lichten Kleider fand,
Der Borten und der Spangen; des lag genug bereit.
Da zierte sich gar minniglich manche waidliche Maid.
Mancher junge Recke wünschte heut so sehr, 283
Daß er wohlgefallen möchte den Frauen hehr,
Das er dafür nicht nähme ein reiches Königsland:
Sie sahen die gar gerne, die sie nie zuvor gekannt.