Zu den Heergesellen ein Bote ward gesandt, 381
Ob sie schauen wollten ihr neues Gewand,
Ob es den Helden wäre zu kurz oder lang.
Es war von rechtem Maße; des sagten sie den Frauen Dank.
Vor wen sie immer kamen, die musten all gestehn, 382
Sie hätten nie auf Erden schöner Gewand gesehn.
Drum mochten sie es gerne da zu Hofe tragen;
Von beßerm Ritterstaate wuste Niemand mehr zu sagen.
Den edeln Maiden wurde höchlich Dank gesagt. 383
Da baten um Urlaub die Recken unverzagt;
In ritterlichen Züchten thaten die Herren das.
Da wurden lichte Augen getrübt von Weinen und naß.
Sie sprach: "Viel lieber Bruder, ihr bliebet beßer hier 384
Und würbt andre Frauen: klüger schien' es mir,
Wo ihr nicht wagen müstet Leben und Leib.
Ihr fändet in der Nähe wohl ein so hochgeboren Weib."
Sie ahnten wohl im Herzen ihr künftig Ungemach. 385
Sie musten alle weinen, was da auch Einer sprach.
Das Gold vor ihren Brüsten ward von Thränen fahl;
Die fielen ihnen dichte von den Augen zuthal.
Da sprach sie: "Herr Siegfried, laßt euch befohlen sein 386
Auf Treu und auf Gnade den lieben Bruder mein,
Daß ihn nichts gefährde in Brunhildens Land."
Das versprach der Kühne Frau Kriemhilden in die Hand.
Da sprach der edle Degen: "So lang mein Leben währt, 387
So bleibt von allen Sorgen, Herrin, unbeschwert;
Ich bring ihn euch geborgen wieder an den Rhein.
Das glaubt bei Leib und Leben." Da dankt' ihm schön das Mägdelein.
Die goldrothen Schilde trug man an den Strand 388
Und schaffte zu dem Schiffe all ihr Rüstgewand;
Ihre Rosse ließ man bringen: sie wollten nun hindann.
Wie da von schönen Frauen so großes Weinen begann!
Da stellte sich ins Fenster manch minnigliches Kind. 389
Das Schiff mit seinem Segel ergriff ein hoher Wind.
Die stolzen Heergesellen saßen auf dem Rhein;
Da sprach der König Gunther: "Wer soll nun Schiffmeister sein?"
"Das will ich," sprach Siegfried: "ich kann euch auf der Flut 390
Wohl von hinnen führen, das wißt, Helden gut;
Die rechten Wasserstraßen sind mir wohl bekannt."
So schieden sie mit Freuden aus der Burgunden Land.