Eine Ruderstange Siegfried ergriff; 391
Vom Gestade schob er kräftig das Schiff.
Gunther der kühne ein Ruder selber nahm.
Da huben sich vom Lande die schnellen Ritter lobesam.

Sie führten reichlich Speise, dazu guten Wein, 392
Den besten, den sie finden mochten um den Rhein.
Ihre Rosse standen still in guter Ruh;
Das Schiff gieng so eben, kein Ungemach stieß ihnen zu.

Ihre starken Segelseile streckte die Luft mit Macht; 393
Sie fuhren zwanzig Meilen, eh niedersank die Nacht,
Mit günstigem Winde nieder nach der See;
Ihr starkes Arbeiten that noch schönen Frauen weh.

An dem zwölften Morgen, wie wir hören sagen, 394
Da hatten sie die Winde weit hinweggetragen
Nach Isenstein der Veste in Brunhildens Land,
Das ihrer Keinem außer Siegfried bekannt.

Als der König Gunther so viel der Burgen sah 395
Und auch der weiten Marken, wie bald sprach er da:
"Nun sagt mir, Freund Siegfried, ist euch das bekannt?
Wem sind diese Burgen und wem das herrliche Land?

"Ich hab all mein Leben, das muß ich wohl gestehn, 396
So wohlgebauter Burgen nie so viel gesehn
Irgend in den Landen, als wir hier ersahn;
Der sie erbauen konnte, war wohl ein mächtiger Mann."

Zur Antwort gab ihm Siegfried: "Das ist mir wohlbekannt; 397
Brunhilden sind sie, die Burgen wie das Land
Und Isenstein die Veste, glaubt mir fürwahr:
Da mögt ihr heute schauen schöner Frauen große Schar.

"Ich will euch Helden rathen: seid all von einem Muth 398
Und sprecht in gleichem Sinne, so dünkt es mich gut.
Denn wenn wir heute vor Brunhilden gehn,
So müßen wir in Sorgen vor der Königstochter stehn.

"Wenn wir die Minnigliche bei ihren Leuten sehn, 399
Sollt ihr erlauchte Helden nur Einer Rede stehn:
Gunther sei mein Lehnsherr und ich ihm unterthan;
So wird ihm sein Verlangen nach seinem Wunsche gethan."

Sie waren all willfährig zu thun, wie er sie hieß: 400
In seinem Uebermuthe es auch nicht Einer ließ.
Sie sprachen, wie er wollte; wohl frommt' es ihnen da,
Als der König Gunther die schöne Brunhild ersah.