"Wohl thu ichs nicht so gerne dir zu lieb allein, 401
Als um deine Schwester, das schöne Mägdelein.
Die ist mir wie die Seele und wie mein eigner Leib;
Ich will es gern verdienen, daß sie werde mein Weib."
* * * * *
Siebentes Abenteuer.
Wie Gunther Brunhilden gewann.
Ihr Schifflein unterdessen war auf dem Meer 402
Zur Burg heran gefloßen: da sah der König hehr
Oben in den Fenstern manche schöne Maid.
Daß er sie nicht erkannte, das war in Wahrheit ihm leid.
Er fragte Siegfrieden, den Gesellen sein: 403
"Hättet ihr wohl Kunde um diese Mägdelein,
Die dort hernieder schauen nach uns auf die Flut?
Wie ihr Herr auch heiße, so tragen sie hohen Muth."
Da sprach der kühne Siegfried: "Nun sollt ihr heimlich spähn 404
Nach den Jungfrauen und sollt mir dann gestehn,
Welche ihr nehmen wolltet, wär euch die Wahl verliehn."
"Das will ich," sprach Gunther, dieser Ritter schnell und kühn.
"So schau ich ihrer Eine in jenem Fenster an, 405
Im schneeweißen Kleide, die ist so wohlgethan:
Die wählen meine Augen, so schön ist sie von Leib.
Wenn ich gebieten dürfte, sie müste werden mein Weib."
"Dir hat recht erkoren deiner Augen Schein: 406
Es ist die edle Brunhild, das schöne Mägdelein,
Nach der das Herz dir ringet, der Sinn und auch der Muth."
All ihr Gebaren dauchte König Gunthern gut.
Da hieß die Königstochter von den Fenstern gehn 407
Die minniglichen Maide: sie sollten da nicht stehn
Zum Anblick für die Fremden; sie folgten unverwandt.
Was da die Frauen thaten, das ist uns auch wohl bekannt.