Da sprach vor seinen Freunden der König Siegmund: 736
"Allen meinen Freunden thu ichs heute kund,
Daß Siegfried meine Krone hier hinfort soll tragen."
Die Märe hörten gerne Die von Niederlanden sagen.

Er befahl ihm seine Krone mit Gericht und Land: 737
Da war er Herr und König. Wem er den Rechtsspruch fand
Und wen er strafen sollte, das wurde so gethan,
Daß man wohl fürchten durfte der schönen Kriemhilde Mann.

In diesen hohen Ehren lebt' er, das ist wahr, 738
Und richtet' unter Krone bis an das zehnte Jahr,
Da die schöne Königin einen Sohn gewann,
An dem des Königs Freunde ihren Wunsch und Willen sahn.

Alsbald ließ man ihn taufen und einen Namen nehmen: 739
Gunther, nach seinem Oheim, des dürft er sich nicht schämen.
Gerieth' er nach den Freunden, er würd ein kühner Mann.
Man erzog ihn sorgsam: sie thaten auch recht daran.

In denselben Zeiten starb Frau Siegelind: 740
Da nahm die volle Herrschaft der edeln Ute Kind,
Wie so reicher Frauen geziemte wohl im Land.
Es ward genug betrauert, daß der Tod sie hatt entwandt.

Nun hatt auch dort am Rheine, wie wir hören sagen, 741
Gunther dem reichen einen Sohn getragen
Brunhild die schöne in Burgundenland.
Dem Helden zu Liebe ward er Siegfried genannt.

Mit welchen Sorgen immer man sein hüten hieß! 742
Von Hofmeistern Gunther ihn Alles lehren ließ,
Was er bedürfen möchte, erwüchs' er einst zum Mann.
Hei, was ihm bald das Unglück der Verwandten abgewann!

Zu allen Zeiten Märe war so viel gesagt, 743
Wie doch so herrlich die Degen unverzagt
Zu allen Stunden lebten in Siegmundens Land:
So lebt' auch König Gunther mit seinen Freunden auserkannt.

Das Land der Nibelungen war Siegfried unterthan 744
(Keiner seiner Freunde je größern Schatz gewann)
Mit Schilbungens Recken und der Beiden Gut.
Darüber trug der Kühne desto höher den Muth.

Hort den allermeisten, den je ein Held gewann, 745
Nach den ersten Herren, besaß der kühne Mann,
Den vor einem Berge seine Hand erwarb im Streit:
Er schlug darum zu Tode manchen Ritter allbereit.