Vom sanften Bogen der Notwendigkeit!«
Noch ein weiteres Moment endlich gehört in die Entwicklung Schillers zu Ende der achtziger Jahre: das Studium der Geschichte, das er bisher fast völlig verabsäumt hatte. »Täglich wird mir die Geschichte teurer,« schreibt er am 15. April 1786 an Körner. »Ich wollte, daß ich zehn Jahre hintereinander nichts als Geschichte studiert hätte. Ich glaube, ich würde ein ganz anderer Kerl sein.« Aus diesen seinen eifrigen historischen Studien sind dann seine »Geschichte des Dreißigjährigen Krieges«, »Der Abfall der Niederlande« und einige kleinere Arbeiten hervorgegangen. Trotzdem war die Geschichtschreibung nicht das Feld, auf dem sein Geist glänzen konnte. Um Geschichtsforscher zu sein, war er zu sehr Dichter und Philosoph. Seine historischen Dramen sind vielmehr der eigentliche Spiegel seiner Geschichtsauffassung, wo es um »der Menschheit große Gegenstände« geht, geworden.
Immerhin gaben seine geschichtlichen Arbeiten wenigstens den äußeren Anlaß, ihn als Professor nach Jena zu berufen. Am 26. und 27. Mai des Revolutionsjahres 1789 eröffnete er dort sein Kolleg, dessen beide ersten Vorlesungen unter dem Titel »Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?« in Wielands »Teutschem Merkur« erschienen. In der ersten entwarf er sein Vorlesungsprogramm: er wollte nicht für »Brotgelehrte«, sondern für »philosophische Köpfe« lesen. Und so hat er sich auch ferner als wahrer Professor der Philosophie in seinen Geschichtsvorlesungen bewährt.[14]
Körner, zu dem wir jetzt wieder zurückkehren, wollte darin Spuren kantischen Philosophierens spüren. Damit kommen wir zu unseres Helden allmählicher Bekehrung zu Kant, die eben unter Körners vorherrschendem Einfluß erfolgt ist, der ihm schon früh, aber anfangs »immer vergebens von Kant vorgepredigt« hatte. K. L. Reinhold zwar, der aus einem Kloster entsprungene österreichische Barnabitermönch, der in Weimar Wielands Schwiegersohn geworden war und soeben durch seine gut geschriebenen »Briefe über Kantische Philosophie« Wesentliches zur Verbreitung der neuen Lehre beigebracht hatte, hat ihn zuerst, als er im August 1787 eine Woche bei ihm wohnte, zur Lektüre einiger kleiner Aufsätze Kants in der Berliner Monatsschrift veranlaßt, unter denen ihn namentlich die »Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht« befriedigte, so daß er Körner schrieb: »Daß ich Kant noch lesen und vielleicht studieren werde, scheint mir ziemlich ausgemacht.« Bis dahin hatte Schiller überhaupt, seiner Dichternatur folgend, aus den »wenigen« philosophischen Schriften, die er gelesen, sich »nur das genommen, was sich dichterisch fühlen und behandeln läßt« (so an Körner am 15. April 1788). Aber der spießbürgerlich-ängstliche Reinhold war ihm nicht sympathisch. »Reinhold« – so lautet eine Schillers Eigenart noch weit mehr als diejenige Reinholds charakterisierende Bemerkung gegen Körner – »wird sich nie zu kühnen Tugenden oder Verbrechen, weder im Ideal noch in der Wirklichkeit (!), erheben, und das ist schlimm.« So beruht denn Schillers Wendung zur kritischen Philosophie weniger auf dem Einfluß des begeisterten neuen Kantjüngers Reinhold, der damals erklärte, daß Kant »nach hundert Jahren die Reputation (den Ruf) von Jesus Christus haben« werde, als auf dem des kritischeren Körner.
Schon in dem ersten der »Philosophischen Briefe« hatte er seinen Julius dem Raphael schreiben lassen: »Was hast Du aus mir gemacht, Raphael? Was ist seit kurzem aus mir geworden! … Ich empfand und war glücklich. Raphael hat mich denken gelehrt, und ich bin auf dem Wege, meine Erschaffung zu beweinen.« Wenn er ihn dann weiter klagen läßt: »Du hast mir den Glauben gestohlen, der mir Frieden gab; Du hast mich verachten gelehrt, wo ich anbetete«, so haben wir das letztere schwerlich auf Körner und Schiller zu beziehen.
Denn von schweren religiösen Kämpfen bei letzterem besitzen wir sonst nirgends das geringste Zeugnis, weder in seinen Tausenden von Briefen noch in seinen Werken. Aber das erstere wird zutreffen. Durch Körners Einfluß war an die Stelle der bloßen Empfindung, die sein bisheriges Philosophieren beherrschte, immer mehr das Denken getreten. Den Abschluß der »Philosophischen Briefe« nun bildet ein letzter Brief des Raphael, der wirklich von Körner an Schiller am 4. April 1788 geschrieben worden ist und, noch ohne Kants Namen zu nennen, ganz in dessen Sinne darauf hinweist, daß aller Philosophie eine anscheinend »etwas trockene Untersuchung über die Natur der menschlichen Erkenntnis« vorangehen müsse.
Schiller vermutet in seiner Antwort vom 15. April richtig, daß des Freundes Wendung von den »demütigenden Grenzen des menschlichen Wissens« eine »entfernte Drohung mit dem Kant« enthalte! Noch sträubt sich seine Dichternatur gegen diese Nüchternheit. Und äußere Hindernisse (Berufung nach Jena, Verlobung, Heirat) verhindern zunächst weiteres philosophisches Studium, auch die geplante Antwort des »Julius« auf Raphaels letzten Brief. Aber im Novemberheft 1790 der »Thalia« erscheint ein Abschnitt seiner Vorlesung über Universalgeschichte als Aufsatz unter der Überschrift »Etwas über die erste Menschengesellschaft« mit der Bemerkung: »Es ist wohl bei den wenigsten Lesern nötig zu erinnern, daß diese Ideen auf Veranlassung eines Kantischen Aufsatzes in der Berliner Monatsschrift entstanden sind.« Es war dies Kants geistreiche und durchaus allgemeinverständliche Abhandlung »Mutmaßlicher Anfang der Menschengeschichte« (Januar 1786).[15] Wenige Monate später erfolgte die entscheidende Wendung zu dem kritischen Philosophen.