mit anderen Worten von seiner Stellung zur Politik. Schiller ist von Anfang an politisch interessiert gewesen. Freilich besteht ein großer Unterschied zwischen dem jungen und dem älteren Schiller. Uns ist leider nur ein kurzer Überblick möglich.[19]

Die politische Stimmung des aus kleinen, engen Verhältnissen stammenden, dann in der Karlsschule unter härtestem Druck und Drill gehaltenen Jünglings ist leidenschaftliche Opposition, repräsentiert durch »Die Räuber«, über deren allgemeine Bedeutung wir uns schon auf Seite [101] f. ausgesprochen haben, und die schon in ihrem Motto In tyrannos (gegen die Tyrannen) und mit ihrer Titelvignette, dem aufsteigenden, grimmig seine Pranken erhebenden Löwen die revolutionäre Gesinnung ihres Dichters ausdrücken. Dasselbe Gesicht zeigen die gleichzeitig entstandenen leidenschaftlichen Gedichte der »Anthologie auf das Jahr 1782«, z. B. »Die schlimmen Monarchen«. Kein Wunder, wenn ein zeitgenössischer, anscheinend etwas größenwahnsinnig angelegter Fürst über den von der Jugend vergötterten jungen Dichter-Revolutionär die Äußerung getan haben soll: Wenn ich mit dem Gedanken umgegangen wäre, die Welt zu erschaffen, und vorausgesehen hätte, daß Schillers »Räuber« darin würden geschrieben werden, so hätte ich die Welt nicht erschaffen! – Der »Fiesko« ist zwar schon wesentlich zahmer, aber doch ein »republikanisches Trauerspiel«, das den Pfälzer Philistern, in deren Adern »kein römisches Blut floß«, schon zu weit ging.

»Kabale und Liebe« dagegen ist wieder eine soziale Tragödie, in der selbst nach dem Urteil eines politisch so gemäßigten Mannes wie H. Hettner »Fäulnis und Verderbnis« als »der Grundzug aller unserer staatlichen und gesellschaftlichen Einrichtungen« zum Vorschein kommen. Kühner als Lessing in seiner »Emilia Galotti« wagt der Dichter es, die Handlung nach Deutschland zu verlegen. Die gewissenlose Kabale der Hofkreise gegenüber den natürlichen Rechten des Herzens, die Mätressenwirtschaft, die Klassenjustiz, der Verkauf der Landeskinder: das alles wird mit solcher Lebenswahrheit und in so glühenden Farben geschildert, daß das Drama auch heute, nach 140 Jahren, noch wie ein Blitz in ein empfängliches, natürlich empfindendes Publikum einschlägt, wenn es mit Feuer gespielt wird, wie ich es selbst bei einer Aufführung durch Schüler im Jahre nach der Revolution erlebte.

In einer öffentlichen Vorlesung vor der »Kurpfälzischen Deutschen Gesellschaft« zu Mannheim am 26. Juni 1784 – später unter dem Titel »Über die Schaubühne, als moralische Anstalt betrachtet« unter seine Werke aufgenommen – verkündet Schiller es geradezu als den Beruf der Bühne, ihre Gerichtsbarkeit da auszuüben, »wo das Gebiet der weltlichen Gesetze sich endigt«. »Wenn die Gerechtigkeit für Gold verblindet und im Solde der Laster schwelgt, wenn die Frevel der Mächtigen ihrer Ohnmacht spotten und Menschenfurcht den Arm der Obrigkeit bindet, übernimmt die Schaubühne Schwert und Wage und reißt die Laster vor einen schrecklichen Richterstuhl.« Wie stark in jenen Zeiten sein politisches Interesse war, geht unter anderem auch daraus hervor, daß ihm damals ein zukünftiges Wirken als Staatsmann als Wunsch vorschwebte. Einer seiner Jugendfreunde hat einmal geäußert: Wenn Schiller nicht ein großer Dichter geworden wäre, so hätte er gewiß eine bedeutsame Rolle im politischen Leben gespielt, freilich mit dem bezeichnenden Zusatz: er würde sie dann wohl als Festungsgefangener geendet haben. Und der Musiker Andreas Streicher, der 1782 mit ihm aus Stuttgart floh, berichtete von ihrer Trennungsstunde im März 1785: wie er (Streicher) Kapellmeister, so hätte Schiller damals – Minister werden wollen!

Vielleicht hängt damit innerlich schon der Keim zu dem späteren »Don Carlos« zusammen, in dem ja Marquis Posa seine völkerbeglückenden Pläne als Minister König Philipps verwirklichen will. Anfangs war bekanntlich das Stück anders gedacht: als ein tragisches »Familiengemälde im königlichen Hause« und zugleich als ein Tendenzstück gegen die Jesuiten: »eine Menschenart, welche der Dolch der Tragödie bisher nur gestreift hat«, und gegen die Inquisition, deren »Schandfleck« er, um die »prostituierte Menschheit zu rächen«, »fürchterlich an den Pranger stellen« wollte. Während der jahrelangen Ausarbeitung änderte sich dann, mit der inneren Entwicklung des Dichters, auch der Plan des Dramas. So wie es jetzt vorliegt, stellt es eine Anwendung der ethischen Zeitgedanken: Humanität, Weltbürgertum, Glaubens- und Gedankenfreiheit auf den Staat dar, verkündet durch den begeisterten Mund des idealistischen und dabei doch als weltklug geschilderten Malteserritters. Mit »Kabale und Liebe« verglichen, haben wir freilich nur einen stark abgeblaßten Liberalismus vor uns: nicht mehr Rousseau, sondern Montesquieu, dessen »Geist der Gesetze« er ungefähr gleichzeitig studiert. Gewiß wird »Männerstolz vor Königsthronen« – »ich kann nicht Fürstendiener sein!« – und Kampf gegen den Despotismus gepredigt. Aber von der Masse des Volkes ist kaum, von einem sozialen Untergrund gar nicht mehr die Rede. Das Ganze spielt sich in der Sphäre des Hoflebens ab. Auf den Thronfolger setzt Posa seine Hoffnung. Also Kronprinzenliberalismus!

Immerhin ist Schiller in dieser und der zunächst folgenden Zeit noch lebhaft politisch interessiert. »Was ist den Menschen wichtiger als die glücklichste Verfassung der Gesellschaft, in der alle unsere Kräfte zum Treiben gebracht werden sollen?« schreibt er an die Schwestern von Lengefeld am 4. Dezember 1788. Auch seine »Geschichte des Abfalls der Vereinigten Niederlande« (1788) ist, wie der einleitende Abschnitt zeigt, von der ja schon im »Don Carlos« hervortretenden Sympathie für den Freiheitskampf eines kleinen, bedrängten Volkes um sein Recht »gegen die furchtbaren Kräfte der Tyrannei« diktiert.

In diesen Zusammenhang gehören auch die schon unter dem Einfluß Kants geschriebenen kleinen geschichtsphilosophischen Aufsätze; vor allem aber die bereits behandelte Antrittsrede über das Studium der Universalgeschichte, welche Sätze enthält wie den folgenden: »Alle denkenden Köpfe verknüpft jetzt ein weltbürgerliches Band.« Oder: »Unser menschliches Jahrhundert« – an einer anderen Stelle heißt es statt dessen: »Das Zeitalter der Vernunft« – »herbeizuführen, haben sich alle vorhergehenden Zeitalter angestrengt.« Und zum Schlusse den Appell an seine jugendlichen Zuhörer, auch ihrerseits zu diesem weltgeschichtlichen Ergebnis beizutragen.

Fast zur selben Zeit, als Friedrich Schiller vom Jenaer Universitätskatheder diese Worte sprach (Mai 1789), hatte man jenseits des Rheins den Staat der Vernunft in die Wirklichkeit zu übersetzen begonnen: in der Französischen Revolution. Sie hat in ihren ersten Jahren, wie wohl alle großen Geister des damaligen Deutschlands, darunter sogar den alten Messiassänger Klopstock und den konservativen Minister Goethe, selbstverständlich auch Schiller in ihren Bann gezogen. Aber nur wenige dieser Größen, darunter der alte Immanuel Kant, blieben diesem politischen Idealismus auch über die sogenannte Schreckenszeit hinaus treu. Auch Schiller fühlte sich durch die terroristischen Handlungen des Konvents, vor allem die Hinrichtung des Königs, dermaßen abgeschreckt, daß er an Körner am 8. Februar 1793 die entsetzten Worte schrieb: »Ich kann seit vierzehn Tagen keine französische Zeitung lesen, so sehr ekeln diese elenden Schindersknechte mich an!« Das schrieb der einstige »Stürmer und Dränger«, den der Konvent selbst im August 1792 zusammen mit Washington, Klopstock und Pestalozzi zum »Ehrenbürger« der französischen Republik ernannt hatte. Und diese ablehnende Stimmung hat er dann beibehalten. Sie spiegelt sich wider in den bekannten abschreckenden Schilderungen des »Aufruhrs« und der weiblichen »Hyänen« in der »Glocke«; wo der Dichter des Idealismus sich sogar dahin versteigt, von »ewig Blinden« zu sprechen, denen man »des Lichtes Himmelsfackel« nicht leihen dürfe, hingegen als höchstes staatliches Gut die »heilige« bürgerliche »Ordnung« preist. Man kann zur psychologischen Erklärung dieser Tatsache auf seine veränderten äußeren Lebensverhältnisse hinweisen. Er war nicht mehr der »literarische Vagabund« von ehedem, sondern ein seßhaft gewordener Jenaer Professor, ein ehrsamer Ehemann und Familienvater, ein Weimarischer Hofrat, der sich schließlich mit Rücksicht auf die höfischen Beziehungen seiner Frau auch die sogenannte »Erhebung« in den Adelstand gefallen ließ. Für uns ist es wichtiger, die innere, die philosophische Wandlung zu verfolgen, die dieser politischen Wandlung zugrunde lag.