Wir haben dafür seit einigen Jahrzehnten eine ausgezeichnete Quelle in den ursprünglichen, 1793 geschriebenen philosophischen Briefen an den Prinzen von Augustenburg, von denen die spätere Fassung der gedruckten »Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen« (1795) in sehr wesentlichen Stücken abweicht. Ohne hier auf alle Einzelheiten eingehen zu können, müssen wir doch das für unser Thema Wichtigste, schon weil es manche Ähnlichkeiten mit der Gegenwart aufweist, herausheben. Es findet sich namentlich in dem ausführlichen zweiten Briefe vom 18. Juli 1793, wobei ich allerdings eine andere, rein sachlich bestimmte Reihenfolge einzuschlagen mir gestatte.
Vor den in der Revolution gemachten Erfahrungen, schreibt er hier an den übrigens freidenkenden Prinzen, »konnte man sich allenfalls mit dem lieblichen Wahne schmeicheln, daß der unmerkliche, aber ununterbrochene Einfluß denkender Köpfe, die seit Jahrhunderten ausgestreuten Keime der Wahrheit, der aufgehäufte Schatz von Erfahrung die Gemüter allmählich zum Empfang des Besseren gestimmt und so eine Epoche vorbereitet haben müßten, wo die Philosophie den moralischen Weltbau übernehmen und das Licht über die Finsternis siegen könnte«. Man sei in der »theoretischen Kultur«, also in der Erkenntnis schon so weit vorgedrungen gewesen, daß »auch die ehrwürdigsten Säulen des Aberglaubens zu wanken anfingen und der Thron tausendjähriger Vorurteile erschüttert ward«. Und als nun »eine geistreiche, mutvolle, lange Zeit als Muster betrachtete Nation« daran ging, ihren »positiven« Gesellschaftszustand gewaltsam zu verlassen, um sich in den »Naturstand« zurückzuversetzen, »für den die Vernunft die alleinige und absolute Herrscherin ist«, da mußte »jeder, der sich Mensch nennt«, vor allem jeder »Selbstdenker« den lebhaftesten Anteil daran nehmen. Denn wenn ein Gesetz des weisen Solon denjenigen Bürger verdammt, der bei einem Aufstand keine Partei nimmt, wie konnte man in diesem Falle, »wo das große Schicksal der Menschheit zur Frage gebracht ist«, neutral bleiben, »ohne sich der strafbarsten Gleichgültigkeit gegen das, was dem Menschen das Heiligste sein muß, schuldig zu machen«! Denn hier ist »eine Angelegenheit, über welche sonst nur das Recht des Stärkeren und die Konvenienz zu entscheiden hätte, vor dem Richterstuhl reiner Vernunft anhängig gemacht«, die, wie es an einer anderen Stelle im Anschluß an Kants Ethik heißt, »den Menschen als Selbstzweck respektiert und behandelt«.[20] Und bei den Gesetzen hat ein jeder Selbstdenker, als Beisitzer jenes Vernunftgerichts, mitzusprechen, indem er sie »als mitbestellter Repräsentant der Vernunft zu diktieren berechtigt und aufrechtzuerhalten verpflichtet ist«.
Aber, wie es in einem Distichon von 1797 heißt, »der große Moment fand ein kleines Geschlecht«. Der Gebrauch, den das französische Volk von diesem großen Geschenk des Augenblicks machte, bewies, »daß das Menschengeschlecht der vormundschaftlichen Gewalt noch nicht entwachsen ist, daß das liberale Regiment der Vernunft da noch zu frühe kommt, wo man kaum damit fertig wird, sich der brutalen Gewalt der Tierheit zu erwehren, und daß derjenige noch nicht reif ist zur bürgerlichen Freiheit, dem noch so vieles zur menschlichen fehlt«. »Rohe, gesetzlose Triebe« – man hört den Dichter der »Glocke« –, die »nach aufgehobenem Band der bürgerlichen Ordnung … mit unlenksamer Wut ihrer tierischen Befriedigung zueilen« in den niederen, und der »noch niedrigere« Anblick der Erschlaffung und Entartung des Charakters in den »zivilisierten« Klassen: das ist die Signatur der Gegenwart. Wir wollen diesen Sätzen nicht entgegenhalten, was Immanuel Kant in demselben Jahre 1793 in seiner Religionsschrift über die angeblich mangelnde »Reife zur Freiheit« schreibt. Schiller jedenfalls stellt sich auf einen pessimistischen Standpunkt. Auch für ihn bleibt gewiß »politische und bürgerliche Freiheit immer und ewig das heiligste aller Güter, das würdigste Ziel aller Anstrengungen und das große Zentrum aller Kultur«. Und wenn das Vernunftgesetz auf den Thron erhoben und wahre Freiheit zur Grundlage des Staatsgebäudes gemacht wäre, schreibt er, »so wollte ich auf ewig von den Musen Abschied nehmen und dem herrlichsten aller Kunstwerke, der Monarchie der Vernunft, alle meine Tätigkeit widmen«. Allein »jeder Versuch einer Staatsverfassung aus Prinzipien« – und jede andere ist »bloßes Not- und Flickwerk«! – kann für ihn nur in Frage kommen, wenn »der Charakter der Menschheit von seinem tiefen Verfall wieder emporgehoben ist«, und das sei – »eine Arbeit für mehr als ein Jahrhundert«!
Daraus zieht nun unser Dichter die Folgerung: weniger die Aufklärung des Verstandes, für die schon genug geschehen sei, als die sittliche Reinigung und Stärkung des Willens, vor allem aber die Veredlung der Gefühle sei für jetzt das Wichtigste. Es ist das Programm der ästhetischen Kultur, das dann die »Ästhetischen Briefe« von 1795 in reicher Begründung und Ausführung weiter entwickeln. Hierauf näher einzugehen, zu zeigen, wie nach Schillers Auffassung die ästhetische Erziehung den Menschen aus dem »Notstaat« der Wirklichkeit allmählich zum »Vernunftstaat« emporführt, dürfen wir uns um so eher versagen, als wir ja die ganze Frage von Schillers ethisch-ästhetischem Ideal schon oben ausführlich genug behandelt haben und – diese ganze, ihm als Dichter freilich naheliegende und durch den Verkehr mit gleichgesinnten Geistern wie Goethe und Wilhelm v. Humboldt sicherlich noch gestärkte ästhetische Auffassung mit Bezug auf politische Dinge sich doch eigentlich als ein großer Trugschluß erwiesen hat. Rein ästhetische Kultur vermag nicht einmal den einzelnen politisch reif und mündig zu machen, geschweige denn ein ganzes Volk. Gewiß, eine starke Beimischung ethisch-ästhetischer Kultur würde dem deutschen Machtstaat von 1866 bis 1918 nichts geschadet haben und auch unserem heutigen angeblichen Kulturstaat nichts schaden. Indes, das ist nicht die erste Frage. Die Vorbedingung für einen wahrhaften Staat der Vernunft, wie ihn ja auch Schiller letzten Endes erstrebt, ist, wie wir inzwischen gelernt haben, die politisch-ökonomische Befreiung der Massen.
Und da können wir mit Befriedigung feststellen, daß der »Idealist« Schiller in dieser Beziehung, d. h. hinsichtlich der ökonomischen Grundlage alles staatlichen Lebens, wenigstens nicht ganz blind gewesen ist.[21] Sie alle werden seine bekannte Strophe aus dem Erscheinungsjahr der »Ästhetischen Briefe« (1795) kennen:
»Einstweilen, bis den Bau der Welt
Philosophie zusammenhält,
Erhält sie das Getriebe
Durch Hunger und durch Liebe.«
Und vielleicht auch den noch deutlicheren Doppelvers, den er den bloßen Moralpredigern von »Menschenwürde« entgegenhält: