»Nichts mehr davon, ich bitt' euch. Zu essen gebt ihm, zu wohnen.

Habt ihr die Blöße bedeckt, gibt sich die Würde von selbst.«

Genau dasselbe sagt er im vierten Briefe an den Prinzen (November 1798): »Der Mensch ist noch sehr wenig, wenn er warm wohnt und sich satt gegessen hat; aber er muß warm wohnen und satt zu essen haben, wenn sich die bessere Natur in ihm regen soll.« Schon der zweite Brief hatte ausgeführt, daß »das Bedürfnis und der Drang der physischen Lage, die Abhängigkeit des Menschen von tausend Verhältnissen, die ihm Fesseln anlegen«, seinen Aufflug in die »Regionen des Idealischen«, speziell auch die der Kunst, verhindern, womit die wirtschaftliche Grundlage jenes in den »Briefen« von 1795 gepredigten idealen Reiches der ästhetischen Kultur zugegeben ist. »Mit der Verbesserung ihres physischen Zustandes«, heißt es demgemäß im vierten Briefe ganz marxistisch, »muß man das Aufklärungswerk bei einer Nation beginnen.« Denn »der zahlreichere Teil der Menschen wird durch den harten Kampf mit dem physischen Bedürfnis viel zu sehr ermüdet und abgespannt, als daß er sich zu einem neuen und inneren Kampfe mit Wahnbegriffen und Vorurteilen aufraffen sollte«. Er ergreift daher mit hungrigem Glauben die Formeln, mit denen es Staat und Priestertum »von jeher« – wie nicht bloß die französischen Materialisten, sondern auch Kant und Heinrich Heine sagen – »gelungen ist, das erwachte Freiheitsbedürfnis ihrer Mündel abzufinden«.

Auch die seelische Verstümmelung des Menschen durch geisttötende Fabrik- oder Facharbeit hat Schiller bereits klar gesehen: »Ewig nur an ein einzelnes kleines Bruchstück des Ganzen gefesselt, bildet sich der Mensch selbst nur als Bruchstück aus; ewig nur das eintönige Geräusch des Rades, das er umtreibt, im Ohre, entwickelt er nie die Harmonie seines Wesens, und anstatt die Menschheit in seiner Natur auszuprägen, wird er bloß zu einem Abdruck seines Geschäfts, seiner Wissenschaft.« So müssen die Individuen »unter dem Fluche dieses Weltzwecks«, nämlich des (aus Kants Geschichtsphilosophie übernommenen) Widerstreits der menschlichen Kräfte, leiden und ihre Natur durch jahrtausendelange Sklavenarbeit »verstümmeln« lassen, bis dereinst einmal der »freie Wuchs der Menschheit« sich entfalten kann. Und nicht mit Unrecht hat es Mehring auf den modernen Klasssenkampf der Lohnarbeiterschaft angewandt, wenn Schiller ein anderes Mal erklärt, daß zwar Sklaverei »niedrig« und eine sklavische Gesinnung in der Freiheit gar »verächtlich« ist, eine bloße »sklavische Beschäftigung« dagegen, falls sie mit Hoheit der Gesinnung verbunden ist, ins Erhabene übergehen kann. Wieder an einer anderen Stelle kritisiert er schon vor Fichte, wenn auch nicht so scharf wie dieser, den bürgerlichen Eigentumsbegriff: »Eine solche Ausdehnung des Eigentumsrechts, wobei ein Teil der Menschen zugrunde gehen kann, ist in der bloßen Natur nicht gegründet.«

Wir haben diese Stellen zitiert, um Schillers soziale Einsicht zu beweisen. Aber es liegt uns fern, unseren Dichter deshalb zum Sozialisten stempeln zu wollen. Im Gegenteil, in den auf 1795 folgenden Jahren zieht er sich mehr und mehr, wie von der Philosophie, so erst recht von aller Politik, ja überhaupt aus der rauhen Wirklichkeit in das schöne Reich des Ideals zurück. »Glühend für die Idee der Menschheit, gütig und menschlich gegen den einzelnen Menschen«, aber »gleichgültig gegen das ganze Geschlecht, wie es wirklich vorhanden ist«, bezeichnet er dem jungen kant- und menschheitsbegeisterten Mediziner Erhard im Mai 1795 als seinen »Wahlspruch« und rät auch ihm, sich von dem Weltbürgertum »ganz und gar zurückzuziehen«, um »mit Ihrem Herzen sich in den engeren Kreis der Ihnen zunächst liegenden Menschheit einzuschließen, indem Sie mit Ihrem Geist in der Welt des Ideals leben«!

Damit hängt seine völlige Rückwendung zur Poesie in seinem letzten Lebensjahrzehnt (1795 bis 1805) zusammen. Seinen deutschen Mitbürgern aber rief er die Worte zu:

»Zur Nation euch zu bilden, ihr hofft es, Deutsche, vergebens,

Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus!«

Und doch hat ihn auch in der Dichtung das Politische nie losgelassen. Zeugnis seine historischen Dramen: der »Wallenstein«, »Maria Stuart«, »Die Jungfrau von Orleans«, der »Tell« und der »Demetrius«. Auch das Schicksal seiner Nation hat ihn nicht gleichgültig gelassen, wie aus den Fragmenten des Nachlasses zu ersehen ist, auf die vor allen Tönnies aufmerksam gemacht hat. Wie auf unsere Gegenwart gemünzt erscheinen Sätze wie die folgenden: »Darf der Deutsche in diesem Augenblick, wo er ruhmlos aus seinem tränenvollen Kriege geht, wo zwei übermütige Völker ihren Fuß auf seinen Nacken setzen und der Sieger sein Geschick bestimmt – darf er sich fühlen? Darf er sich seines Namens rühmen und freuen?« Und er antwortet: »Ja, er darf's. Er geht unglücklich aus dem Kampfe; aber das, was seinen Wert ausmacht, hat er nicht verloren … Die Majestät des Deutschen ruhte nie auf dem Haupte seiner Fürsten … Die deutsche Würde ist eine sittliche Größe, sie wohnt im Charakter der Nation, die von ihren politischen Schicksalen unabhängig ist.« Und schließlich können und wollen wir, in der inneren wie in der äußeren Politik, die auch von Franz Mehring als »herrliches Bekenntnis« gepriesenen Worte Stauffachers in der Rütliszene als sein politisches Testament an uns betrachten:

»Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht.