Zorn, Stolz, Verachtung sprühten ihre Blicke, und die Lippen des fein geformten Mundes waren fest aneinander geklemmt, als fürchte sie, daß ihr wider ihren Willen ein Laut der Klage entschlüpfen könne ...
So standen sie eine lange Weile, stumm und fast regungslos, ein Jedes die Beute stürmisch fluthender Gefühle ...
Endlich richtete der Mann sein Haupt empor, strich das blonde Haar, das ihm wirr um die Stirne fiel, mit einer lebhaften Geberde zurück und streckte seiner Gattin die mit einem Verbande umhüllte Rechte entgegen: »Laß uns weiter wandern, Fanny,« sprach er mit gefaßter Stimme, »hinein in die unbekannte Fremde, in die weite Welt, in die ich aus dem alten Vaterlande Nichts weiter mit hinüber nehme, als die Freiheit und das Bewußtsein, für unsere Ueberzeugung gestritten und gelitten zu haben.« Sie antwortete ihm mit einem seltsamen Blicke und wendete sich zum Weitergehen, ohne die dargereichte Rechte ihres Gatten zu ergreifen ...
Da raschelte es in den Büschen, welche an dem Ufer des Baches standen, der hier die Grenze zwischen dem deutschen und dem französischem Lande bildet. Gewehrläufe und Helme blinkten in den Strahlen der untergehenden Augustsonne und eine Gendarmeriepatrouille streckte den Flüchtlingen mit dem Zuruf: »Halt! ... Wer da?« ihre Bajonnete entgegen.
Die Flüchtlinge standen still, doch schon im nächsten Augenblicke hatte sich der junge Mann gefaßt und entschlossen antwortete er: »Laßt mich ruhig meines Weges ziehen ... Was kümmert's Euch, wer ich bin, wer giebt Euch das Recht, hier auf diesem Grund und Boden mich anzuhalten?«
»Wer uns das Recht giebt, Mann,« antwortete der Patrouillenführer, indem er auf den Flüchtling zutrat und mit der Säbelscheide auf den Boden stieß, »hier Das gibt uns das Recht, und das Signalement, welches ich hier in meiner Brieftasche trage, worin ein gewisser Walther Dennhardt, seines Zeichens ein Bildhauer, der an dem Aufruhr in der Pfalz und Baden thätigen Antheil genommen, verfolgt wird.«
»Und wenn ich Der wäre, den Ihr sucht,« rief der Flüchtling mit drohender Geberde, indem er das schlafende Kind in die Arme der jungen Frau legte, welche mit einer gewissen düsteren Ruhe dem Vorgange folgte, »so habt Ihr kein Recht, mich hier auf französischem Gebiete ... anzuhalten. Darum gebt mir freie Bahn oder ich schaffe sie mir ...« Und er zog mit der Linken unter der Blouse eine doppelläufige Pistole hervor, die er dem Patrouillenanführer entgegen streckte.
»Wie! Ihr wagt es Euch zur Wehre zu stellen,« schrie der Gendarmerie-Officier, indem er den Säbel zog, »vorwärts, Leute, faßt ihn.«
Ohne Zweifel wäre jetzt eine Scene der Brutalität, der Kampf einer vielfach überlegenen Gewalt mit einem Einzelnen erfolgt, wenn nicht in demselben Augenblicke die Gendarmen durch den lauten und energischen Zuruf: »Halte!« der von dem Saume des Birkenwäldchens her erscholl, welches sich links an dem Bache hinzog, stutzig gemacht worden wären.
Sowohl Verfolger als Verfolgte wendeten gleichzeitig ihre Blicke nach der Richtung, von woher der Ruf gekommen, und sahen drei junge Männer in eleganter Kleidung, die Jagdflinte über den Rücken geworfen, herankommen.