Die junge Frau versank in ein tiefes Nachdenken. Dann erhob sie ihr Haupt, fest und entschlossen.

»Wohlan! ich will es wagen ... Als Du mir vorhin schwören wolltest, da sprach ich: schwöre nicht. Jetzt verlange ich einen Schwur von Dir, einen Schwur bei Allem was Dir theuer und heilig, den Schwur, selbst Dein Leben daran zu setzen, um mir mein Kind zu sichern.«

Der Vicomte von Grandlieu erhob mit feierlicher Geberde die Hand.

»Ich schwöre,« sprach er.

»Und ich,« flüsterte Fanny, indem sie ihre Arme um seinen Nacken schlang und ihm tief und glühend in die Augen blickte, »und ich bin von diesem Augenblicke an Dein ...«

5. Verschwunden.

Hatte Dennhardt von der Entfernung seiner Frau, welche gegen Mitternacht in dem Wagen des Vicomte in ihre Wohnung zurückgekehrt war, Nichts bemerkt oder wollte er Nichts bemerken, genug, er erwähnte den immerhin auffälligen Weggang Fanny's und ihre späte Heimkehr mit keinem Worte. Auch sonst zeigte sich in seinem Benehmen keine Veränderung, nur daß er vielleicht, wenn Das überhaupt möglich war, sich noch wortkarger und verschlossener zeigte.

Nach der Verabredung, welche Fanny und der Vicomte getroffen, sollte Fanny am Sylvesterabend unter irgend einem Vorwand mit dem Kinde ausgehen, vielleicht unter dem Vorgeben eine Spazierfahrt zu machen, dann die von dem Vicomte für sie eingerichtete Wohnung beziehen und hieran die Scheidung einleiten. Fanny's Charakter widerstrebte freilich dieses heimliche Entweichen; ihrem stolzen Sinne wäre es viel lieber gewesen, wenn sie in offnem Bruch sich von ihrem Manne hätte entfernen können. Allein der Vicomte hatte ihr mit klugen Worten nachgewiesen, wie unbesonnen ein solches Verfahren sein würde, wie es leicht zu einer Katastrophe führen könnte, die für sie und das Kind verhängnißvoll werden könnte.

Und doch hatte Fanny trotz alledem immer noch geschwankt. Der Vicomte, Dies bemerkend und eine Unbesonnenheit der jungen Frau befürchtend, hatte ihr wenige Tage nach dem Besuche in seinem Hôtel einen Brief geschrieben, worin er sie mit den eindringlichsten Worten beschwor, seinem Rath zu folgen.

»Ich beschwöre Dich,« schrieb er ihr, »bei unserer Liebe, bei dem Haupte Deines Kindes, nur scheide nicht in offnem Bruch von Dennhardt. Er würde vielleicht Dich, aber nimmermehr das Kind lassen, und wie mir mein Sachwalter versichert, könnte Dein Mann bis zur Entscheidung des Processes das Kind bei sich behalten. Du wirst es ihm nicht verwehren können nach England und Italien zu gehen, sich in eine Einsamkeit mit dem Kinde zu flüchten und Dir es für immer zu entziehen. Folgst Du aber meinem Rath, scheidest Du mit dem Kinde von Dennhardt, ohne daß er es ahnt, so brauchen wir Nichts zu fürchten. Meine Vorsichtsmaßregeln habe ich so getroffen, daß er, selbst für den Fall, daß er Deine Wohnung erkundschaftet, nicht zu Dir und dem Kinde gelangen wird.«