»Ist mein Mann ausgegangen?« stammelt sie, von einer dunklen Ahnung, an deren Verwirklichung sie aber nicht zu glauben wagte, durchzuckt, »und wo ist mein Kind ... hat er es mitgenommen?« Und während sie Dies bebend spricht, hat sie schon, ohne die Antwort abzuwarten, die Thür geöffnet und stürzt über den Vorsaal nach dem Wohnzimmer.
Mit zitternder Hast reißt sie die Thür auf, wirft einen Blick in das leere Zimmer und stößt einen lauten gellenden Schrei der Verzweiflung aus.
»Fort ... fort mein Kind ... meine Mimi.«
Sie wankt, und die bestürzte Portière, welche ihr gefolgt war, fängt sie in ihren Armen auf und läßt sie langsam auf den Divan niedergleiten.
Aber diese Schwäche dauert nur einen Augenblick.
Sie rafft sich empor und stürzt in das anstoßende Schlafzimmer. Ihr Blick fällt auf ein Blatt Papier, das auf ihrem Toilettetisch liegt. Es war ein Brief von der Hand ihres Mannes. Darunter liegt ein Couvert, das Couvert des Briefes, welchen ihr der Vicomte diesen Morgen gesendet hatte.
»Um mit Erfolg ein Verbrechen zu begehen,« liest sie, »muß man auch sehr schlau und vorsichtig sein. Du, Fanny, bist weder das Eine, noch das Andere, Du würdest sonst vorsichtiger in der Aufbewahrung des Briefes gewesen sein, dessen Couvert ich zurücklasse zum Beweise, daß mir Alles bekannt ist. Der Schlag, mit dem Du und jener Mann, mit dem ich nun quitt bin, mich vernichten wolltet, vernichten, indem Ihr mir mein Kind raubtet, er fällt auf Dich selbst zurück.
»Die Gerechtigkeit Gottes konnte eine so ruchlose That nicht geschehen lassen. Wenn ich auch längst den Verrath ahnte, den Du mir gegenüber begingst, so hatte ich Dir doch verziehen; denn da, wo keine Gemeinschaft der Herzen, keine Sympathie der Seelen vorhanden, da fällt auch die Gemeinschaft des Lebens. Aber daß Du mir mein Kind rauben wolltest, Das konnte ich Dir nicht verzeihen, Du verblendetes Weib.
»Lebe wohl und sei glücklich, wenn Du es vermagst. Alles Forschen wird vergeblich sein – betrachte mich und das Kind für Dich gestorben. Es ist so am besten. In unserer Ehe hätte für das Kind ohnedieß kein Glück erblühen können. Kinderaugen sehen klar und scharf und erkennen nur zu bald, wenn Die, welche ihnen am nächsten stehen, auf getrennten Wegen wandeln.
»Was wir an Hab und Gut besitzen, Das überlasse ich Dir.