»Du wirst Papiere und Geldeswerth in meinem Schreibpulte finden. Ich behalte nur so viel als nöthig ist, um mir eine Existenz zu schaffen, welche mir meinen und meines Kindes Unterhalt gewährt.

Lebe wohl für immer!

Walther Dennhardt.«

Als Fanny diese Zeilen gelesen, sank sie bewußtlos zusammen, und die einzigen Worte, die sie stammeln konnte, waren:

»Mein Kind, mein Kind ... verloren ... verloren.«

Dann aber raffte sie sich mit wilder Energie auf. Sie befahl der Portière die Wohnung zu schließen und die Schlüssel an sich zu halten und alle Briefe, die an sie einlaufen würden, in das Hôtel Grandlieu in der Rue de la Paix zu senden.

Am Morgen des andern Tages verließ der Vicomte mit Fanny, die gestern Abend verstört und bleich zu ihm ins Hôtel Grandlieu mit den Worten gekommen war: »Schwöre mir, morgen Paris zu verlassen und mir mein Kind suchen zu helfen, und ich folge Dir bis an's Weltende,« auf der Nordbahn die Seinestadt.

6. Stilles Leben.

Kennt Ihr die grünen Hügel von Morbihan? Jene Berge der alten Bretagne, auf deren Abhängen, in kleinen Dörfern und Weilern zerstreut, einfache Hirten und Bauern wohnen, an denen die Cultur von Jahrhunderten vorübergegangen ist, ohne einen Blick in ihre Hütten zu werfen? Dort, wo diese bretagnischen Berge von den Wellen des Meeres bespült werden, wenige Meilen von Vannes, inmitten eines kleinen Dorfes, dessen Bevölkerung zur Hälfte aus Hirten, zur Hälfte aus Fischern und Schiffern besteht, lebte seit einem Jahre der deutsche Flüchtling mit seinem Kinde.

Es war in den Nachmittagsstunden eines milden Herbsttages, Anfangs October des Jahres 1850. Auf der Düne, deren Sand von den Strahlen der Sonne erwärmt worden war, saß Walther Dennhardt mit seinem Kinde und blickte hinaus auf die unendliche See.