»Ah! die Tochter von dem deutschen Réfugié,« murmelte der Feldwächter, indem er einen scheuen Blick nach dem Hause Dennhardt's warf, »er soll ein verwegener Bursche sein und in Deutschland bei einem Massacre vierundzwanzig Aristos umgebracht haben.« Ein derartiges Märchen gehörte zu den Gerüchten, welche sich über Dennhardt's Betheiligung an der Revolution bei einigen leichtgläubigen und neugierigen Schwätzern verbreitet hatten und sehr wohl in einem Lande geglaubt werden konnten, wo sich mit dem Begriff der Revolution auch zugleich der der Guillotine und der Niedermetzelung der Aristokraten verband.

Im vorliegenden Fall hatte dieses schauerliche Gerücht für Mimi indessen das Gute, daß der Feldwächter, ein Poltron, für welchen von jeher der ernste Blick Dennhardt's und sein langer wallender Bart etwas Zurückscheuchendes, Ehrfurchtgebietendes gehabt, die Kleine ungehindert weiter spielen ließ und nur beim Weitergehen mit den halblaut gemurmelten Worten: »Nun, heute magst Du noch spielen, wenn ich Dich aber morgen wieder hier treffe, so wirst Du mich kennen lernen,« seine gefährdete Autorität rettete.

Wenn Mimi von ihrem Vater ein Geschenk erhielt, das er ihr stets mitbrachte, wenn er in Vannes gewesen, so rief sie mit ihrer lieblichen Silberstimme ihre kleinen Gespielinnen, Pauline und Lisette, eilig herbei.

War es eine Leckerei, so theilte sie dieselbe gewissenhaft in drei Theile, war es ein Spielwerk, dann mußten die Kinder ebenso damit spielen, als wäre es das ihrige. Mitunter kam es vor, daß die Kleinen, schüchtern und blöde, wie sie in Folge der strengen Zucht ihres Vaters, des Lootsen, waren, die Annahme dieser kleinen Geschenke und Liebesbeweise verweigerten; dann aber gerieth Mimi in fast zornige, leidenschaftliche Aufregung und versuchte oft mit Gewalt die Kinder zur Annahme zu zwingen, was schließlich Geschrei und Thränen zur Folge hatte. Dann kam gewöhnlich Dennhardt herbei und überwand durch Zureden die Blödigkeit der Kinder. Nahmen sie dann, was ihnen Mimi darbot, dann war die Kleine wieder so außer sich vor Freude, daß sie die Kinder stürmisch umarmte, küßte und mit allerlei Schmeichelnamen nannte.

Bei den Bewohnern des Dorfes, zumal bei den Frauen, stand Mimi in großer Gunst. Sie war der erklärte Liebling der jungen Mütter, welche bereitwillig die liebliche Schönheit und geistige Ueberlegenheit des fremden Kindes anerkannten.

Viel trug auch Dennhardt's Wohlthätigkeit dazu bei, der bei seinem überreichen Verdienst manche Gabe in die Hütten der Armuth sendete und als Geberin gewöhnlich Mimi mit der Mutter Poisson schickte, so daß das Kind, wenn es über die Schwelle einer armseligen Hütte trat, von den Bewohnern wie ein kleiner rettender Engel begrüßt wurde.

7. Das Räthsel des Lebens.

Es war im Sommer, wenige Wochen vor Mimi's sechstem Geburtstage. Eine dumpfe Schwüle lag auf dem kleinen Orte, überall sah man traurige und verweinte Gesichter. Der Todesengel war eingezogen in dem Dorfe und hielt eine reiche Ernte unter den lieblichsten Blumen der Menschheit, unter den Kindern.

Es war eine bösartige Epidemie, eine jener verheerenden Krankheiten, welche an die düstere blutige Sage von dem Würgengel erinnern.

Auch Mimi war von der Krankheit ergriffen worden und lag schon einige Tage hart darnieder.