Dennhardt warf einen fragenden Blick auf seine Gattin.
»O, was mich betrifft,« entgegnete die junge Frau mit Stolz und Energie, »so brauchst Du keine Rücksicht darauf zu nehmen ... ich hasse jenes Land,« und sie deutete nach der deutschen Grenze; »ich habe es nie geliebt ... und jeder Schritt, der mich weiter davon entfernt, dünkt mir Gewinn zu sein.«
Es waren die ersten Worte der jungen Frau, und das reine Französisch, in welchem sie gesprochen wurden, überraschte den Andern ebenso wie der energische Ausdruck des Hasses gegen Deutschland, der sich in ihnen aussprach.
»Sie sind eine Landsmännin von mir?« frug der junge Franzose mit lebhaftem Tone.
»Meine Frau ist Brüsselerin,« fiel der Flüchtling ein, indem sich eine Wolke auf seiner Stirn zeigte, »für die aber Deutschland die zweite Heimath wurde, die sie nie aufhören sollte zu lieben ... die sie nie schmähen sollte, selbst nicht in Momenten, wo die Seele erfüllt ist von Bitterkeit und dem Bewußtsein erlittenen Unrechts.«
Die Frau schwieg auf diese mehr schmerzliche, als in vorwurfsvollem Tone gesprochene Bemerkung ihres Gatten, und der junge Mann fuhr rasch fort: »Ich wollte Ihnen nur einen Vorschlag machen, der Ihnen unter diesen Umständen vielleicht annehmbar erscheinen dürfte. Ich bin der Besitzer dieser Fluren und jenes Schlosses, welches Sie dort hinter dem Birkenwäldchen sehen ... Wenn Sie sich hier von den Anstrengungen Ihrer Flucht erholen wollen, so steht es zu Ihrer Verfügung ... Doch,« fügte er rasch hinzu, als er eine gewisse Unentschiedenheit in den Zügen des Flüchtlings zu erblicken glaubte, »doch zuvor ist es nöthig, daß wir näher mit einander bekannt werden ... Kennen wir doch nicht einmal unsere Namen. Ich bin der Vicomte Edmund von Grandlieu.«
»Mein Name ist Walther Dennhardt, Bildhauer meinem Berufe nach.«
»Wie? Sie sind Bildhauer ... o, Das trifft sich ja herrlich,« fiel der junge Baron von Grandlieu ein, »ich habe eine wundervolle Antike in meinem Parke, eine Statue der Juno, an der leider ein Theil des rechten Armes fehlt ... Sie könnten, Herr Dennhardt, in voller Muße diesen Mangel ergänzen und mich dadurch zum lebhaftesten Dank verbinden.«
Mit einem schmerzlichen Lächeln zeigte der Bildhauer auf seine verwundete und mit Bandagen umhüllte Rechte. »Es thut mir in der That wehe, Herr Vicomte, daß ich Ihnen meine Dankbarkeit so schlecht beweisen kann. Ich werde wohl nicht so bald wieder den Meißel und den Hammer führen können. Der Bajonnetstich, der mir die Hand durchstach, hat vielleicht meiner Künstlerlaufbahn für immer ein Ende gemacht. Und nun nochmals herzlichen Dank für Ihr gastfreundliches Anerbieten, wenn wir dasselbe auch nicht annehmen können.«
»Wie, Sie wollen?« erwiderte der Baron von Grandlieu, indem er ein Gefühl der Verstimmung, welches ihn bei der abschläglichen Antwort des Bildhauers überkommen, unterdrückte. »Und wenn Sie vielleicht das Schicksal nach Paris führen sollte, so vergessen Sie dann nicht das Hôtel Grandlieu in der Rue de la Paix.«