Der Flüchtling streckte dem jungen Manne tief bewegt die Hand entgegen.
»Nehmen Sie den Dank eines Mannes hin, der nie vergessen wird, daß Sie dem heimathlosen Flüchtling die Freiheit retteten, für die er im Vaterlande mit den Waffen gekämpft.«
Der Andere entgegnete, die dargebotene Hand conventionell ergreifend und mit einer Gemessenheit des Tones, die fast überraschend abstach gegen die eben in der Vertheidigung des Verfolgten gezeigte Wärme:
»Es ist gut, mein Herr, Sie sind mir keinen Dank schuldig ... Wenn ich zwischen Sie und Ihre Verfolger trat, so geschah es nicht aus Sympathie für die Grundsätze, welche Sie hegen, denn ich hasse die Revolution und jene demokratischen Freiheitsideen, welche jetzt die Köpfe der Menge verwirren, sondern es geschah, weil ich sah, daß Sie Gatte und Vater sind.«
Und wieder traf ein leuchtender Blick seines Auges die junge Frau, welche unwillkürlich erröthend zur Erde niedersah.
Ein leichter Schatten verdüsterte auf einen Moment des Flüchtlings Stirne, als sein Befreier in so ablehnender Weise auf den warmen Ausbruch seines dankerfüllten Herzens antwortete, allein er unterdrückte dieses Gefühl rasch und sprach:
»Gleichviel ... wenn Sie auch kein Anhänger der Grundsätze sind, für welche ich gefochten und geblutet habe ... Walther Dennhardt wird doch nie aufhören sich Ihrer dankbar zu erinnern, und wenn Sie einst einen Mann suchen, der Ihnen einen großen Dienst leisten soll, so mögen Sie meiner eingedenk sein ... Und nun leben Sie wohl, mein Herr ... die Sonne sinkt und es ist noch eine tüchtige Strecke Wegs zur nächsten Eisenbahnstation. Gieb mir das Kind, Fanny.«
Die junge Frau reichte ihrem Gatten das Kind, welches noch immer schlummerte, und grüßte mit stummer Verbeugung den jungen Mann und seine beiden Freunde, die stille Zuschauer der Scene geblieben waren.
Auch der Flüchtling grüßte noch einmal seinen Helfer in der Noth mit einem Blick des Danks, dann wendete er sich zur Linken, der Heerstraße zu, welche nach der Hauptstadt des Elsasses führte, gefolgt von Fanny, die gedankenvoll hinaus ins Weite sah.
Sie waren schon zehn Schritte gegangen, als sie sich noch einmal von dem Andern angerufen hörten. »Ein Wort noch, mein Herr,« rief der junge Mann, auf die Stillstehenden zugehend, »Sie wollen heute noch nach Straßburg ... ich glaube kaum, daß es Ihnen möglich sein wird die Stadt heute vor später Nacht zu erreichen ... Es ist jetzt fünf Uhr ... in wenigen Stunden bricht schon die Nacht an und Sie haben noch zwei Meilen bis dorthin ... Für eine zarte Frau und für ein Kind von so jungem Alter dürfte eine Nachtreise doch bedenklich sein.«