In der Presse, in den Kammern, in der Wissenschaft, auf dem Gebiete der Religion, überall liefen die Vorkämpfer der neuen Ideen Sturm gegen die alten Traditionen. Die Reden Itzstein's, Welcker's, Hecker's, Bassermann's, in der badischen zweiten Kammer fanden einen Wiederhall in ganz Deutschland und weckten gleiche Stimmen im Ständesaal zu Dresden, während die Presse mit ihrer ganzen Macht die Kammerredner unterstützte. Alles rief nach Freiheit; und so unklar für Tausende auch dieser Begriff war, so wunderlich die Vorstellungen, welche sich Viele von der Freiheit machten; das Wort hatte einen Zauberklang, der die Herzen mit gewaltiger Kraft ergriff und mit sich fortzog ... Die »Vaterlandsblätter« Robert Blum's, Gustav Struve's »Deutscher Zuschauer,« Keil's »Leuchtthurm« wurden heißhungrig verschlungen und jedes Blatt warf neue Funken in die schon entzündeten Gemüther. Dazu der Kampf auf dem Gebiete der katholischen Kirche, welchen Johannes Ronge durch seinen berühmten Fehdebrief aus Laurahütte an den Bischof Arnoldi von Trier zum Ausbruch gebracht hatte, die Aufregung der Geister wegen Lösung der socialen Frage, die immer drohender heranrückte und ihre Tirailleurs in ganzen Schwärmen socialistischer Schriftsteller vorausschickte, der ängstliche zögernde, halbe Widerstand der Staatsgewalten, welche den Boden unter ihren Füßen wanken fühlten, – alle diese Momente mußten eine so empfängliche Natur, wie Walther Dennhardt, mit unwiderstehlicher Gewalt ergreifen.

Und Fanny? Sie war oder schien wenigstens ebenso leidenschaftlich für die Ideen der Freiheit und Gleichheit begeistert zu sein wie ihr Gatte, und als die gewaltige Katastrophe der Februarrevolution ausbrach, Deutschland von ihrer Macht ergriffen wurde, in Wien und Berlin die Barrikaden sich erhoben, da bedurfte es der ganzen Ueberredungsgabe Dennhardt's, um die junge Frau abzuhalten gleich ihm auf den Barrikaden gegen die Soldaten zu fechten ... Es liegt nicht in unserer Absicht, in dieser Erzählung alle die verschiedenen Phasen der so denkwürdigen Bewegung von 1848 und 1849 zu schildern, wir wollen nur so viel erwähnen, daß Walther Dennhardt und seine junge Frau sich den entschiedensten Vorkämpfern der demokratischen Partei anschlossen, und im Frühjahr 1849 finden wir sie in Baden, wo die letzten Kämpfe der Bewegung ausgefochten wurden. Hier entdeckte Dennhardt, dem seine Gattin im Sommer 1848 eine Tochter geboren hatte, zum ersten Mal einen Zwiespalt zwischen seinen und Fanny's Ansichten.

Die provisorische Regierung bot ihm die Stellung eines politischen Commissärs an. Er sollte mit ausgedehnten Vollmachten nach dem Schwarzwald geschickt werden, um dort die Bewegung zu organisiren. Es war dies eine Stellung ganz selbständiger Natur und von bedeutendem Einfluß.

Dennhardt schlug sie jedoch aus und zog es vor, als Freischaarenführer in die Reihen der Kämpfer zu treten.

Fanny machte ihm hierüber Vorwürfe: »Warum hast Du dieses Amt nicht angenommen?« sprach sie »und verurtheilst Dich selbst zu einer so niedrigen Stellung? Als ob es nicht Tausende genug gäbe, die gut zum Dreinschlagen sind. O, Ihr idealen deutschen Schwärmer, Ihr werdet niemals eine wirkliche Revolution zu Stande bringen; denn es fehlen Euch die energischen revolutionären Naturen. Ueberall diese ängstliche Bescheidenheit und Blödigkeit, die jungen Mädchen gut steht, aber wahrlich Männern nicht geziemt, welche eine Staatsumwälzung vollführen wollen.«

»Ich kämpfe nicht aus selbstsüchtigen, persönlichen Motiven, sondern für meine Ueberzeugung, für Deutschlands Einheit und Freiheit; ich schlug diesen Antrag aus, weil ich fühlte, daß ich dieser Aufgabe nicht gewachsen war. Als Kämpfer aber kann ich meine Pflicht erfüllen.«

Fanny lächelte spöttisch: »War es nicht ein deutscher Dichter, Euer Göthe, welcher das Wort vom Dienen und Herrschen sprach? Wohl, wenn die Freiheit und Einheit Deutschlands erkämpft ist, wird es noch immer Solche geben, die befehlen, und Solche, welche gehorchen müssen. Hast Du so große Lust zu den Letztern zu schwören?«

»Weder zu den Einen, noch zu den Andern ... ich will Nichts weiter als ein freier Bürger im freien Vaterlande sein. Doch lassen wir Das,« sprach er abbrechend, »diese Erörterung ist überflüssig ... und schmerzlich dabei ist mir nur das Eine, daß Du, Fanny, so wenig meine Grundsätze und Ueberzeugung kennst.«

Fanny schwieg. Doch als der Gang der Begebenheiten immer verhängnißvoller wurde, der Sieg der Sache, für welche Dennhardt die Waffen in feuriger Begeisterung ergriffen, immer zweifelhafter, da mußte er manche bittere Bemerkung seines Weibes hinnehmen, und obwohl widerstrebend mußte er sich doch gestehen, daß Fanny nicht aus Enthusiasmus, aus innerer Ueberzeugung seine politischen Bestrebungen gebilligt und an ihnen Theil genommen hatte, sondern aus ganz andern Beweggründen. Zur vollen Gewißheit darüber gelangte er nach jenem Auftritt an den Ufern des Rheins, wo er nur durch das Dazwischentreten des französischen Barons vom Kerker errettet wurde. Dennhardt hatte Fanny Vorwürfe über ihr gehässiges Wort gegen Deutschland, das sie dem Baron von Grandlieu gegenüber ausgesprochen, gemacht.

Da war ihrem Herzen in leidenschaftlicher Rede all die Bitterkeit entquollen, die sich lange in ihr angehäuft hatte.