»Du willst mir Vorwürfe machen,« hatte sie ihm erwiedert, »daß ich mit Worten des Hasses und des Abscheues von Deinem Deutschland gesprochen habe. Kann ich aber andere Empfindungen gegen Dein Vaterland haben? Ist es nicht das Grab aller meiner Hoffnungen und Träume geworden, hat es mir etwas Anderes als Täuschungen geboten?«

Und als Dennhardt sie mit einem großen fragenden Blicke angesehen, hatte sie unter dem Eindrucke einer sich immer höher steigernden Erregung weiter gesprochen:

»Du weißt es, Walther, als ich Dein Weib wurde, da liebt' ich Dich stark und innig. Aber ebenso liebte ich auch Deinen Künstlerruhm, den Namen, den Du Dir durch Deine Werke errungen hattest. Oder glaubst Du, daß ich, die Tochter eines edlen Geschlechts, Dir mein Herz und meine Hand gegeben hätte, wenn Du ein unbekannter und unbedeutender Mensch, ein Mann ohne Namen und ohne Zukunft gewesen wärest?«

»Wie!« unterbrach sie bei diesen Worten ihr Mann mit schmerzlichem Ausdruck in Rede und Geberde, »so war es nicht der Mann, den Du in mir liebtest, sondern der Künstler, nicht Walther, sondern der Bildhauer Dennhardt?!«

»Ich kann den Einen nicht von dem Andern trennen. Ich sah in Dir den gefeierten Künstler und den Mann von Geist und Kraft, der ringend und strebend seine Hand nach dem Höchsten auszustrecken wagt, das uns vom Leben dargeboten wird. Und nun ...«

»Bin ich ein heimathloser Flüchtling,« fiel Dennhardt mit schmerzlicher Bitterkeit ihr ins Wort, »der das bittere Brod der Verbannung essen muß und Du mit ihm ... O Fanny, dieses Wehe den Besiegten! aus Deinem Munde zu hören, Das brennt mich mehr als es jemals diese Wunde hier gethan.«

Aus Fanny's Augen brach ein Blick verletzten Stolzes hervor.

»Du kennst mich wahrlich schlecht,« antwortete sie leidenschaftlich, »wenn Du glaubst, daß es die Furcht vor der ungewissen Zukunft unseres Schicksals ist, was mich beunruhigt und aufreizt ... Oder, daß ich deßhalb in Vorwürfe und Klagen ausbreche, weil die Sache, für welche Du gefochten, unterlegen ist ... Nein, nicht Das ist es, sondern weil ich sehe, daß Du nicht zu jenen kühnen und energischen Naturen gehörst, welche zu den Höhen des Lebens emporstreben.«

»Sprich nicht weiter ...« unterbrach sie Walther mit einer Geberde und einem Ausdruck in Blick und Ton, vor welchem sie die Augen zur Erde senken mußte, »ich weiß genug, Du brauchst Nichts mehr hinzuzusetzen ... Also nicht die gleiche Ueberzeugung, wie ich sie habe, die Ueberzeugung, für eine große, gerechte und edle Sache zu kämpfen, war es, welche Dich beseelte, nicht die Uebereinstimmung mit den Grundsätzen Deines Gatten, die Liebe zur Freiheit sprach aus Dir, sondern die Leidenschaft zu herrschen und zu glänzen, jener ungezügelte Ehrgeiz, für den die Ideen nur die Mittel zur Erreichung selbstsüchtiger Zwecke sind. Mein Ruf und Ruhm als Künstler, den ich mir in strenger Arbeit meines Berufs erworben, er genügte Dir nicht mehr, Dein nach äußerer Ehre und glänzender Lebensstellung dürstendes Herz begehrte mehr ... Suche weder mich noch Dich selbst zu täuschen, Fanny, Du bist nicht die Einzige Deines Geschlechtes, die so empfindet ... Ich habe in dieser sturmbewegten Zeit, wo alle Kräfte und Elemente der Menschen- und Volksnatur entfesselt wurden, gar manche Frau gefunden, welche von gleichen Gefühlen bewegt wurde; aber nie hätte ich geglaubt, daß Du auch zu ihnen gehörtest. Es muß wohl wahr sein,« setzte er mit einem bittern Lächeln hinzu, während der Ton seiner Stimme zu einem dumpfen Murmeln herabsank, »es muß wohl wahr sein das alte Wort, daß die Liebe Diejenigen blendet, welche ihr unterthan sind.«

So endete jenes Gespräch auf der Flucht.