Konnte bei so einander widerstrebenden Ansichten ein inniges Verhältniß zwischen den beiden Gatten fortbestehen?
Ein Jedes von ihnen fühlte nur zu deutlich, daß Dies nicht möglich sei.
Wenn Walther und Fanny gewöhnlichere Naturen gewesen wären, so hätte vielleicht mit der Zeit eine Ausgleichung stattgefunden.
Allein er wie sie waren zu bestimmt ausgeprägte Charaktere; der ideale Zug Walther's, der ihn zum Märtyrer für die Freiheit gemacht, die uneigennützige Hingabe an eine große und heilige Sache stand in schroffem und unvermitteltem Gegensatz zu Fanny's Wesen. Ihr Gatte hatte nicht Unrecht gehabt, als er sie vor Selbsttäuschung warnte, die junge Frau war sich in der That über den Ursprung ihrer Empfindungen und Meinungen nicht klar.
Fanny war Nichts weniger als ein Mannweib oder eine Emancipirte, wie es deren während der Bewegungsjahre eine ziemliche Anzahl unter den Frauen gab. Nicht die Begeisterung für die großen Ideen der Demokratie hatte sie beseelt, sondern ganz andere Motive hatten sie zur Anhängerin der Bewegung gemacht.
Dennhardt lebte, wie wir schon erzählt, vor dem Ausbruche der Märzrevolution in einer deutschen Residenzstadt.
Sein Beruf brachte ihn in häufige Berührung mit der sogenannten vornehmen Gesellschaft. Frauen und Männer aus diesen Kreisen besuchten sein Atelier, fast täglich hielten die Wagen der Prinzen und Prinzessinnen des königlichen Hofs vor seinem Hause.
Allein man kennt ja die chinesische Abgeschlossenheit der vornehmen Kasten in unserm Deutschland; trotzdem, daß Dennhardt's Werkstatt nicht leer wurde von vornehmen Besuchen, blieben ihm und seiner Frau doch die geselligen Kreise dieser Besucher verschlossen. Ja, wenn er wenigstens Baron, Ritter eines hohen Ordens oder Hofrath vierter Classe gewesen wäre!
Allein ihm fehlte jedes dieser Verdienste, er war und wollte nicht mehr sein als der Bildhauer Walther Dennhardt. Es half ihm Nichts, daß sein Name in der Kunst ein hoch geachteter, sogar berühmter war, all sein Künstlerruhm öffnete ihm nicht die Thüren zu jenen aristokratischen Salons, in welchen Abends die Herren und Damen über die Statuen und Gruppen plauderten, die sie des Morgens in seinem Hause bewundert hatten. Ihm persönlich war Dies nun freilich sehr gleichgültig. Dennhardt würde selbst diese geselligen Cirkel gemieden haben, wenn man ihn mit Einladungen überhäuft hätte.
Er war ein principieller Gegner der Anschauungen, die unter diesen Leuten gang und gäbe waren, er war mit Leib und Seele viel zu sehr Demokrat, als daß er sich in dem Umgange mit diesen Aristokraten hätte wohl fühlen können. Hätte er ihnen doch sogar gern seine Werkstatt geschlossen, wenn Dies möglich gewesen wäre. Außer in einem kleinen Kreise gleichgesinnter Freunde, welche theils Künstler, theils Gelehrte, Schriftsteller, Aerzte, Advokaten waren, bewegte sich Dennhardt häufig in jenen Volkskreisen, wo der Mangel an positiver Bildung und Formengewandtheit durch die Naivetät der Empfindung und durch die selbstlose Hingebung an oft selbst mißverstandene Ideen aufgewogen wird. Anders war es bei Fanny.