Sie, die Tochter eines adeligen vornehmen belgischen Geschlechts, welche dem jungen deutschen Künstler vielleicht eben so sehr aus Liebe als aus Trotz gegen ihre widerstrebende Familie ihre Hand gegeben, sie mit ihrem stolzen Sinn, der gewöhnt war an Glanz und Huldigungen, sie, die schöne junge Frau, nicht ganz frei von jener Koketterie, welche unbekümmert um die Wunden, die sie schlägt, so gern stolze Triumphe feiert, sie fühlte sich durch jene schroffe Abgeschlossenheit der vornehmen Kaste verletzt, gekränkt.
War der Adel ihrer Familie nicht ebenso alt als der dieser hochmüthigen deutschen Baroninnen und Gräfinnen, war sie nicht ebenso schön, vielleicht noch schöner und jedenfalls viel geistreicher als eine Menge dieser vornehmen Damen, welche das Vorrecht genossen, bei den Festen des königlichen Hofes erscheinen zu dürfen, die den gesellschaftlichen Ton angaben und deren Namen stets genannt wurden, wenn von den Bevorzugten der Gesellschaft gesprochen wurde?
Es wäre ein Wunder gewesen, wenn sich Fanny's stolze Natur nicht aufs tiefste dadurch hätte verletzt fühlen sollen. Ihr Haß gegen jene vornehme Kaste steigerte sich täglich, mit fieberhafter Hast las sie die Werke der französischen und deutschen Socialisten und verfocht in den Kreisen der Freunde ihres Mannes die Grundsätze der socialen Gleichheit mit einer Leidenschaftlichkeit, wie man sie nur bei heißblütigen Frauennaturen findet.
So geschah es, daß Fanny ihrem Gatten als begeisterte Anhängerin der Grundsätze, für welche er selbst das Leben einzusetzen bereit war, erscheinen mußte.
Erst als die Katastrophe eintrat, welche ihn zum heimathlosen Flüchtling werden ließ, kannte er die tiefe Kluft, welche zwischen seinen und seiner Gattin Ideen lag.
Dies Alles bei sich im Geiste erwägend, saß Dennhardt an dem Herbstnachmittag an der Wiege seines Kindes in jenem Hause der Vorstadt von Belleville.
3. Ein kleines Kind.
Der Winter lag auf der Stadt Paris, ein echter nordischer Winter mit Schneegestöber und schneidender Kälte. Weihnachten, das heilige Fest, an welchem die Engel des Himmels wie die Engel der Erde die kleinen Kinderherzen, aufjauchzen in seliger Freude, stand vor der Thür.
Noch wenige Stunden und herab senkte sich auf die dunklen Fluren die geweihte Nacht, die einst mit den erhabenen Worten der Verheißung: »Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden!« den armen Hirten verkündigt wurde.