Friede auf Erden! Hohe, schöne Botschaft der himmlischen Heerschaaren! Aber wo ihn suchen, um ihn zu finden diesen Frieden, von dem die Engel auf jenem Felde Palästina's sangen? In der Natur, wo oft urplötzlich entfesselte Kräfte mit wilder dämonischer Gewalt losbrechen, Zerstörung und jähe Vernichtung in ihrem Gefolge? Bei den Thieren des Feldes oder des Waldes, die vom Hunger gestachelt in blutigem Kampfe sich zerfleischen? Oder bei den Menschen? Vielleicht in ihren Tempeln, wo sie Gott dienen und derselbe Priester, der über Euch den Segen spricht, seinen Fluch auf Die schleudert, welche andern Glaubens sind? Oder in den Schulen und Hörsälen, wo die Quellen der Weisheit fließen und die Jünger der Wissenschaft, die nach derselben einzigen und ewigen Wahrheit suchen, so oft ihre beste Kraft vergeuden in fruchtlosem Gezänke über leere Formen? Oder in den Palästen der Könige, wo feile Schmeichler das Ohr der Mächtigen vergiften und Zwietracht und Furcht säen zwischen Volk und Fürst? Und wenn Ihr wie jener Unselige, der den Heiland mit der Kreuzeslast fluchend von seiner Schwelle stieß, Jahrhunderte lang über den Erdball wandertet, Ihr würdet ihn nimmer an diesen Stätten finden jenen stillen sanften Frieden, nach welchem unser Herz sich so tief sehnt, wenn es gebrochen, aus tausend Wunden blutend, die ihm der Kampf des Lebens geschlagen, im wilden Schmerze zusammenzuckt. So sucht den Frieden an der Brust eines Freundes, in den Armen eines liebenden Weibes!
Aber wenn Ihr nicht verblendet seid und Schaumgold mit edlem Metall verwechselt, dann müßt Ihr gestehen, daß die echten Freunde wie die liebenden Frauen so selten sind wie jene blaue Blume, deren Duft die Zauberkraft hat, kranke Herzen zu heilen, die von tiefster Sehnsucht nach einem Glück gequält werden, welches auf Erden nie zu finden ist. So suchen wir vergebens den Frieden auf Erden? »Suchet und Ihr werdet finden!« Suchet ihn da, wo ihn jener Mann gefunden hat, den wir als Verfolgten das deutsche Land verlassen und nach der großen Stadt Paris fliehen sehen, wo er seit vier Monaten mit Weib und Kind weilt.
Es ist Abend geworden, heiliger Abend. Walther Dennhardt sitzt in demselben Zimmer, in welchem wir ihn an jenem Septembernachmittage brütend fanden, vor einem Tisch, um den Christbaum für sein Kind zu schmücken, für sein liebes kleines Kind.
Hinter dem Ofenschirm schlummert sie in ihrem Wiegenbett, die kleine Mimi, die vor zwei Monaten ihren ersten Geburtstag gefeiert hat.
Horch! jetzt regt und streckt es sich in dem Bettchen, ein leichter Aufschrei, und mit einem Sprunge ist der Vater an des Kindes Wiege.
»Ausgeschlafen, meine kleine Mimi?« lächelte er dem Kinde entgegen, während ein goldiger Freudenschimmer des ernsten Mannes Züge verklärt. Und das Kind streckt ihm mit dem süßen Rufe »Papa« lächelnd die kleinen runden Arme entgegen.
Er hebt es zu sich empor und bedeckt das kleine rosige Gesicht mit Küssen, während Mimi mit ihren Händchen ihm jauchzend den Bart zaust. Da erblickt die Kleine den grünen Tannenbaum mit den goldenen Nüssen und silbernen Aepfeln und dem bunten Zuckerwerk, und in die Hände klatschend stößt sie einen hellen Schrei aus.
Mit einem Blick unaussprechlicher Zärtlichkeit betrachtete Dennhardt die kleine Mimi, welche nach dem ersten Ausbruch ihres Jubels still die Herrlichkeiten des Christbaums anstaunte. Sie war sein Alles, die kleine Mimi, seine Freundin, seine Geliebte, seine Welt, sein Ideal. Es war ein herziges, liebes Kind, ein kleiner holder Engel, wie ihn Raphael's Phantasie in ihrer glücklichsten Stunde nicht reizender träumen konnte.
Die blonden weichen Locken, welche den kleinen Kopf umwallten, die lieben braunen Augen, welche so frisch in die Welt hineinblickten, das rosige Plappermäulchen, hinter dessen rothen Lippen schon der weiße Schmelz der ersten Zähne hervorglänzte, das weiche runde Kinn mit dem kleinen Grübchen, die helle Stirn mit ihrem Schimmer reinster Unschuld, auch ein kälteres Herz, als es das Herz eines Vaters ist, hätte die Kleine lieben müssen.
Da klingelte es draußen an der Thüre des Vorzimmers, leichte Schritte wurden hörbar. Die Kleine hob das Köpfchen von der Schulter des Vaters und fröhlich in die Händchen klatschend rief sie: »Mama ... Mama ...«