»Mimi!« und Hut und Mantel abwerfend eilte sie auf die Kleine zu, welche ihr jauchzend entgegenzappelte.
Sie nahm das Kind aus Walther's Armen und zog es an ihre Brust, das kleine Köpfchen mit unzähligen Küssen bedeckend.
Wer in diesem Augenblicke Beobachter dieser Scene gewesen, Zeuge von den Ausbrüchen der leidenschaftlichen Zärtlichkeit gegen das kleine reizende Wesen, der würde sicher geglaubt haben, daß in dieser kleinen einfachen Wohnung des deutschen Flüchtlings sich ein Tempel des häuslichen Glückes aufgerichtet, wie man ihn in Millionen von Palästen und Hütten vergebens sucht.
Und doch hätte er nur den einen Blick, welchen die beiden Gatten bei ihrem Wiedersehen mit einander wechselten, auffangen müssen, um zu erkennen, daß dieses Kind das einzige, letzte Band noch war, welches die Beiden an einander fesselte. Wem aber jener Blick noch nicht Alles gesagt, der hätte an dem Tone von Walther's Stimme erkannt, daß hier zwei Herzen neben einander schlugen, die sich so fremd geworden waren, daß keines mehr den Schlag des andern verstand.
»Es beginnt zu dunkeln, geh' mit der Kleinen so lange in das Schlafzimmer, bis ich den Baum angezündet habe. Wo sind die Puppen und die anderen Sachen?«
»Der Commissionär wird sie auf dem Vorsaal abgelegt haben,« entgegnete die junge Frau, in das Nebenzimmer gehend, in einem Tone, der so kalt, so eisig war, wie der Nordwind, der vom Montmartre herab durch die Straßen der Stadt fegte.
Dennhardt sah ihr mit einem langen ernsten Blicke nach.
»Wir beide haben mit einander abgeschlossen,« sprach er für sich, »aber das Herz des Kindes sollst Du mir nicht rauben, Du verblendetes stolzes Weib, das nicht leben kann ohne jenes nichtige Rauschgold und jenen Flittertand, dem die Narren nachjagen, um darüber das wahre echte Glück des Lebens, den Frieden des Herzens zu verlieren.«
Weder in seinen Mienen, noch in dem Klange seiner Stimme drückte sich bei diesen Worten etwas Schmerzliches oder Klagendes aus, er sprach diese Worte so ruhig, so leidenschaftlos, so reflectirend, etwa wie ein Professor auf dem Katheder über einen Satz der Moralphilosophie. Aber diese Ruhe hatte er mit Kämpfen sich erkauft, die er nicht zum zweiten Male hätte bestehen können. Dann trat er an den Tisch, um den Christbaum anzuzünden und den Weihnachtstisch für seine kleine Mimi herzurichten.