Es war finster draußen, der Wind trieb dichte Wolken von Schneeflocken durch die Straßen und gegen die Fenster der Häuser, die Bäume des Parks stöhnten und seufzten unter der Gewalt des Wintersturmes – in der Brust des Verbannten aber, der hier auf fremder Erde seinem Kinde den ersten Christbaum anzündete, da leuchtet es in diesem Augenblicke auf von hellem, warmem Sonnenschein. Seine Mimi war es ja, für die er die Lichter des Tannenbaums anbrannte, ihr gehörten alle die bunten flimmernden Herrlichkeiten dieses Tisches, dem kleinen holden Engel, welchen ihm die gütige Gottheit gesendet hatte zum Trost und zur Freude inmitten der Wirrsale seines wild bewegten Lebens.
Endlich war Alles geordnet, er klatschte in die Hände, die Thür des Nebenzimmers öffnete sich und mit einem Male strömte der helle Lichtglanz in das dunkle Cabinet, auf dessen Schwelle die kleine Mimi stand, sprachlos die Händchen in einander gefaltet, ein Bild lieblichsten Erstaunens. Ein Wonneschauer seligsten Entzückens ging durch des Mannes Seele.
Wohl giebt es der Freuden, welche ein Menschenherz erbeben lassen, viele und schöne, aber eine reinere, unschuldigere, süßere Freude, als ein liebend Elternherz empfindet, wenn des ersten Christbaums Lichter in die Seele des Kindes jenen hellen Glanz werfen, der noch nach langen, langen Jahren durch das Dunkel des Lebens uns seinen magischen Schimmer nachsendet, eine sanftere, beglückendere Freude giebt es nicht auf dem Erdenrund.
Aber auch Fanny vergaß in dieser Minute alle die Dissonanzen ihres jetzigen Lebens und versenkte sich ganz in die bewegte liebliche Kinderseele. Still war es im Zimmer, still als wenn ein Engel durchs Gemach schwebte und seinen Gruß dem blonden Engelsköpfchen mit den lieben braunen Augen zuwinkte.
Allmälig erholte sich die Kleine von ihrem Erstaunen. Anfangs mit zögerndem, dann mit lebhafterem Schritte näherte sie sich dem Weihnachtstische, und als sie endlich dicht vor den schimmernden Herrlichkeiten stand, stieß sie einen lauten jauchzenden Ruf aus und faßte mit beiden Händen nach der nächsten Puppe, die sie zärtlich an ihr kleines, vor Aufregung und Freude laut klopfendes Herz drückte.
O welch ein unendlich reicher Schatz von Liebe liegt in eines Kindes Brust, wie sollte er gehütet werden von Denen, welchen Gott die Kinder zur Obhut anvertraut, und wie gewissenlos wird es nur zu oft verwaltet dieses Geschenk des Himmels, wie wird Stück für Stück dieser Juwelen der Liebe den kleinen Kinderherzen geraubt, Tag für Tag, Jahr für Jahr. Und wenn sie endlich groß sind, dann sind sie so bettelarm geworden, daß sie die wahren Juwelen der Liebe von den falschen, unechten nicht einmal mehr unterscheiden können. Es war Mimi's erste Puppe ... die erste Puppe! Welche Liebkosungen, welche Zärtlichkeiten empfängt sie, wie offenbart sich an dem Kinde und seiner ersten Puppe ein so schöner rührender Zug edelster Menschlichkeit. Es fühlte das kleine Kinderherz die Hülflosigkeit seiner Puppe, wie das arme Ding mit den kleinen Händen und Beinen und dem runden rothen freundlichen Gesicht so ganz und gar auf seine Pflege und Sorge angewiesen ist. Und nun füttert die Kleine das arme Püppchen und giebt ihm zu trinken, Kuchen und Milch, gerade wie es Mama mit ihr zu thun pflegte, und wickelt sie in ihre Schürze, daß sie nicht friert die arme Kleine, und macht ihr ein Bettchen in der kleinen Wiege und drückt sie zärtlich an die Brust und schläft endlich mit ihr ein, mit ihrer Puppe im Arm.
Und so ist auch die kleine Mimi eingeschlafen mit ihrer Puppe und des Kindes Wange ruht an der ihres kleinen Schützlings und um die Lippen des Kindes schwebt noch das letzte Lächeln, mit dem sie ihre Puppe angelächelt, schon halb im Schlummer, umgaukelt von den rosigen Engeln der Kinderträume. Da erhebt sich die junge Frau und verläßt das Zimmer, Hut und Shawl ergreifend, und steigt die Treppe hinab und öffnet das Haus und steigt in einen Wagen, der zwanzig Schritte von der Thür hält und dann mit ihr fortrollt.
Und wieder sitzt Dennhardt allein an der Wiege seines Kindes.
Die Lichter des Tannenbaums sind erloschen bis auf eine einzige Kerze, welche mit ihrem matten Schimmer das Gemach erleuchtet, auf dessen Wänden und auf dessen Diele die Aeste und Zweige des Christbaums ihre Schatten werfen. Der Geruch des Wachses durchzieht vermischt mit dem harzigen Tannenduft die Luft und aus dem Halbdunkel glitzern und blinken die goldenen Nüsse und silbernen Aepfel magisch hervor. Erinnerungen an alte längst verklungene Zeiten gehen durch des Flüchtlings Seele. Die freundlichen Geister seiner Kindheit schlüpfen aus den Zweigen des Tannenbaums hervor und tragen ihn fort, weit fort von dem großen Paris in eine kleine Stadt, inmitten der grünen Berge Thüringens. Sie führen ihn durch die Flur eines traulichen Hauses, die Treppe hinauf, über den dunklen Vorsaal in ein kleines Kämmerchen, dicht an dem Wohnzimmer. Und wie er so in der dunklen Kammer steht und den hellen Lichtstreifen betrachtet, der sich verstohlen durchs Schlüsselloch schleicht und leise über die Diele hingleitet, da ist es ihm auf einmal, als wäre sein ganzes späteres Leben nur ein Traum gewesen, den er in der letzten unruhigen Nacht geträumt. Er ist wieder der zehnjährige Knabe mit den langen blonden Locken, das fröhliche Kind, welches durch das Schlüsselloch blinzelt, um Etwas von den Geheimnissen der Bescheerung, die darin von Vater und Mutter aufgebaut wird, zu erlauschen.
Da öffnet sich plötzlich die Thür, ein blendend heller Lichtstrom dringt in die dunkle Kammer, mit glücklichem Lächeln betrachten die Eltern den überraschten Knaben, der zögernd einige Schritte gegen den Tisch wagt, wo unter den Zweigen des Christbaums in rosig schimmerndem Kleide mit goldenen Flügeln ein Weihnachtsengel sitzt und ihm mit dem Finger winkt.