Drittes Kapitel.
Es kommt anders.
Lindi, Ende Juni 1906.
Frau Professor Weule, Leipzig.
O dieses Afrika! Das Wort aller „alten“ Afrikaner: „In Afrika kommt es erstens anders, und zweitens als man denkt“ ist mir, solange ich es über mich habe ergehen lassen müssen, und das sind viele Jahre, stets als die Quintessenz alles Stumpfsinns erschienen: doch wenn es einem so ergeht wie mir vor kurzem, dann kann man nicht anders als es jedem Opfer ebenfalls resigniert ins Gesicht schleudern.
Also der 11. Juni. Für etwa den 20. hatten die beiden Geographen und ich unsere Abreise von Daressalam nach dem Norden geplant; mit Sack und Pack und den nötigen Mannschaften wollten wir bis Tanga mit dem Dampfer, von Tanga bis Mombo mit der Usambarabahn fahren, um vom Panganital aus den Marsch durch die Massaisteppe auf Kondoa-Irangi anzutreten. Alle Vorbereitungen waren im besten Zuge. Um sie dem Abschluß näher zu bringen, stehe ich eines schönen Morgens in Daressalam in dem Ausrüstungsgeschäft von Traun, Stürken & Devers und feilsche mit jener Beharrlichkeit und Zähigkeit, die man sich nur als Leiter eines ethnographischen Museums aneignen kann. Halb gleichgültig höre ich der Unterhaltung eines der Verkäufer mit einem weißen Schutztruppenunteroffizier zu, als plötzlich der Name Kondoa-Irangi an mein Ohr schlägt. Jetzt höre ich schärfer hin: „Ich denke, Sie fahren morgen mit dem X auf Urlaub nach Deutschland“, sagt der eine. „Hat sich was, morgen nachmittag marschieren wir ab; ich hab’s ja eben schon gesagt, in Iraku ist Aufstand“, erwidert der andere.
Kondoa-Irangi, Iraku — das sind Begriffe, die mich allerdings sehr angehen. Halb instinktiv wirft’s mich zur Tür hinaus auf die von blendendem Sonnenlicht überflutete Straße. Rrrrrr rasselt auch schon das Maultiergespann des Hauptmanns Merker heran: „Halt, Herr Weule, nach Kondoa-Irangi können Sie nicht“, tönt es laut über die Wollköpfe der schwarzen Passanten hinweg in mein nicht gerade freudig berührtes Ohr.
Ich vermag mich sonst im allgemeinen keiner übergroßen Geistesgegenwart zu rühmen, aber in diesem Augenblick muß ich wirklich blitzschnell gedacht haben; denn kaum hatte ich neben Merker Platz genommen, um im schnellsten Tempo zum Gouvernement behufs näherer Aufklärung zu fahren, da hatte ich auch schon die verschiedenen Möglichkeiten eines Ersatzgebietes in Betracht gezogen, für den immerhin doch sehr wahrscheinlichen Fall, daß meine Irangi-Expedition endgültig aufgegeben werden müsse. In Daressalam gab es in jenen für mich kritischen Tagen keinen Kenner der Verhältnisse, der nicht gesagt hätte: „Ach was, der Iraku-Aufstand ist ja gar kein Aufstand; das ist lediglich eine Bagatelle, ein Streit um ein paar Ochsen, sicherlich aber etwas, was sehr bald beigelegt sein wird.“ Gleichwohl mußte ich dem stellvertretenden Gouverneur, dem stets gleich liebenswürdigen Geheimrat Haber, vollkommen recht geben, wenn er mir einwarf, ein Geograph könne jenes Gebiet nach wie vor mit voller Seelenruhe durchstreifen, unbeschadet der vier Kolonnen deutscher schwarzer Schutztruppen, die von Moschi, Mpapua, Kilimatinde und Tabora radial ins abflußlose Gebiet hineinmarschiert seien. Etwas ganz anderes sei es mit einer ethnographischen Expedition, die könne nur in absolut ruhigen und ungestörten Gebieten arbeiten; keins von beiden sei aber dort oben augenblicklich und für absehbare Zeit zu erwarten. Ob ich nicht nach dem Süden wolle, ins Hinterland von Lindi und Mikindani? Das Land da unten sei zwar auch Aufstandsgebiet, aber es habe den Vorzug, den Aufstand beendet zu sehen; vor allem hätten die Wamuera sehr nachhaltige Hiebe bekommen, so daß ihnen und auch den anderen Völkern jenes Gebietes die Lust zu neuen Übergriffen für einige Zeit vergangen sein werde. Zudem sei im Süden verhältnismäßig viel Militär aufmarschiert, sowohl Schutztruppe wie Polizei; starke Posten hielten die strategisch wichtigsten Punkte besetzt, eine ausreichende Leibwache aber oder eine persönliche Schutztruppe wäre mir dort unten ganz sicher, während ich für das Manyaragebiet auf höchstens ein paar Rekruten rechnen dürfe.
Dampfer Rufidyi, nach einer Zeichnung des Suaheli Bakari (s. [S. 450]).