Mündungsgebiet des Lukuledi oberhalb Lindi.
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GRÖSSERES BILD
Mein vieljähriges Studium der afrikanischen Völker hat mir zu keiner Zeit bessere Dienste geleistet als jetzt. Aus erklärlichen Gründen war ich über das vorgeschlagene neue Forschungsgebiet nicht so gut unterrichtet wie über das mir so jäh entglittene, aber ich wußte doch immerhin, daß dort eine ganz ähnliche Anhäufung vieler Völkerschaften vorhanden ist wie im Norden; auch konnte ich mit einiger Bestimmtheit beurteilen, in welcher Weise ich meine neue Expedition aufzufassen und durchzuführen haben würde, um sie zu einem erfolgreichen Ende zu bringen. Dennoch habe ich mich wohl gehütet, den neuen Plan schon jetzt in seinen Einzelheiten zu entwerfen und zu durchdenken; dazu wäre im übrigen auch gar keine Zeit mehr gewesen, denn ich mußte eilen, wenn ich nicht wieder Wochen verlieren wollte. Das Einverständnis der Landeskundlichen Kommission und des Kolonialamts war bald eingeholt, meine Lasten waren gepackt, zwei Boys und ein Koch längst gedungen. Zum 19. Juni stand die Fahrt des kleinen Regierungsdampfers „Rufidyi“ nach dem Süden bevor. Schnell ließ ich mich vom Gouvernement mit der einzigen Karte vom Südbezirk, die zur Zeit verwendbar war, „ausstatten“; ebenso rasch hatte mich das trefflich geleitete Zentralmagazin mit zwei Dutzend stämmiger Wanyamwesiträger versehen; andere unumgänglich nötige Besorgungen und Formalitäten waren ebenfalls im Nu erledigt — kurz, eigentlich ehe ich mich versah, befand ich mich an Bord und in der Ausfahrt des Hafens von Daressalam.
Ich habe mich von vornherein keinen Augenblick der Erwartung hingegeben, eine Forschungsreise sei ein Vergnügen, aber die 3¼ Tage, die ich an Bord dieses „Dämpflings“, wie der alte Schutztruppenhauptmann Seyfried den „Rufidyi“ und seinen gleich kleinen Bruder „Rovuma“ spöttisch, aber mit Recht zu nennen pflegt, werden mir auch, selbst wenn es mir im Innern des Landes einmal schlecht gehen sollte, noch lange in Erinnerung bleiben! Das liegt teilweise an einem Mangel an eigener Voraussicht selbst; statt erst noch im Klub von Daressalam vor der Abfahrt gut und reichlich zu frühstücken, habe ich mir von dem schwarzen Schiffskoch einen Kaffee vorsetzen lassen, der in Verbindung mit dem durch und durch „klitschigen“ Schwarzbrot und der recht ranzig schmeckenden Konservenbutter schon auf dem festen Lande ein wirksames Brechmittel gewesen wäre, der aber auf dem im steifen Südwestmonsun wie toll schlingernden und stampfenden Schiffchen das unvermeidliche Unglück sehr schnell hereinbrechen ließ. „Rufidyi“ und „Rovuma“ sind keine eigentlichen Passagierdampfer, sondern sie dienen mehr zur Verteilung der Post über die lange Küste hin und zur Bewältigung kleinerer Frachten. Infolgedessen sind für etwaige Reisende keine Unterkunftsräume vorhanden; man erklimmt im Ausgangshafen die Kommandobrücke und wohnt, ißt, trinkt und schläft auf ihr, bis man ans Ziel kommt. Bei ganz geringer Anzahl geht das noch an; da haben die Feldbetten, ohne die man ja in Ostafrika überhaupt nicht reisen kann, nachts noch eben Platz nebeneinander; wie es aber sein mag, wenn sechs oder acht Herren und dazu vielleicht gar noch eine Dame sich in diesen Raum von der Größe eines mäßigen Zimmers teilen müssen, wage ich mir kaum auszumalen.
Bei meinem eigenen Weh habe ich mich um das Wohl meiner Mannschaft kaum zu kümmern vermocht. Moritz und Kibwana, meine beiden Boys, und Omari, der Koch, sind weitgereiste Gentlemen, die das Schaukeln und Pendeln des „Rufidyi“ mit stoischer Ruhe über sich haben ergehen lassen; doch dafür haben meine Wanyamwesiträger ihre sonst so unverwüstliche Heiterkeit sehr bald eingebüßt. Sie waren alle mit frohem Mut an Bord gegangen, sich ihren in Daressalam zurückbleibenden Stammesbrüdern gegenüber damit brüstend, wie weit sie in die Welt hinaus kämen und was sie alles sehen würden. Wie die 24 sich auf dem unglaublich engen Achterdeck, das ihnen zudem noch von ein paar Pferden streitig gemacht wurde, haben einrichten können, ist mir heute noch ein Rätsel; sie saßen und lagen förmlich übereinander. Bei der Allgemeinheit und Ausdauer, mit der auch diese Braven dem Meeresgott geopfert haben, muß es für alle eine herrliche Überfahrt gewesen sein!
Der alte Erdteil Afrika hat nun einmal etwas Starres, Unbewegliches und Konservatives an sich; das haben wir schon beim Löwen von Guardafui gesehen, wir finden es aber selbst im amtlich geregelten Dampferverkehr von heute noch bestätigt. Die Alten fuhren auf See bekanntlich nur bei Tage; auch die weniger seetüchtigen Naturvölker gehen bei ihren Fahrten abends stets unter Land; wir Europäer halten es dagegen für eine unserer ältesten und zugleich höchsten Errungenschaften, daß wir bei unserer Seefahrt weder auf das Wetter noch auf die Nacht Rücksicht nehmen. Von dieser Regel bilden indessen „Rovuma“ und „Rufidyi“ eine seltene Ausnahme; sie suchen sich bei ihren Fahrten kurz vor Sonnenuntergang einen geschützten Schlupfwinkel und fahren erst am nächsten Morgen beim Tagesgrauen wieder hinaus.
Auf der Fahrt von Daressalam nach Lindi und Mikindani, der sogenannten Südtour, wie sie amtlich heißt, ist der erste Nachthafen Simba Uranga, einer der zahlreichen Mündungsarme des großen Rufidyiflusses. Die Einfahrt in diesen Stromarm ist nicht ohne Reiz; schon von weitem erblickt das Auge in der grünen Mangrovenmauer, die für das ausgedehnte Delta charakteristisch ist, eine Lücke. Durch Bojen im richtigen Fahrwasser gehalten, fährt das kleine Schiff zwar nicht schnell, aber doch stetig auf diese Lücke zu. Sie kommt näher und näher, wird breiter und breiter; links und rechts dehnt sich die weißschäumende Brandung an den endlosen Korallenriffen, die die ganze Äquatorial-Ostküste umsäumen, ins Weite. Plötzlich hat man das Gefühl, dem offenen Meer entflohen und im ruhigen Hafen zu sein. Und, fürwahr, er ist stattlich genug; wohl 600, ja 800 Meter breit fließt der Strom ruhig und majestätisch zwischen den grünen Uferwänden dahin, und fast unabsehbar tief dringt er ins Land hinein. Das Schiff muß, um an seinen vorgeschriebenen Liegeplatz zu kommen, noch etwa eine Stunde stromaufwärts dampfen. Melancholisch grüßt von rechts eine aufgelassene Sägemühle herüber; die stattlichen Gebäude liegen verwaist, die Maschinen rosten; das Ganze ist ein stimmungsvoller Beleg für das Trügerische so mancher mit frohen Hoffnungen begonnenen kolonialen Unternehmung. Im Moment des Sonnenunterganges hört die Schiffsschraube auf zu arbeiten; der Anker rasselt hernieder, der „Rufidyi“ macht dicht am linken Ufer fest. Er wird mit Holz geheizt, und zwar mit Mangroveknüppeln, die hier in den Waldungen des Deltas geschlagen und an dieser Stelle für die Übernahme an Bord aufgestapelt werden. Das geschieht unter der Aufsicht eines Försters, den ich leider nicht zu Gesicht bekomme, da er gerade über Land ist. Beschaulich mag sein Dasein freilich sein, aber beneidenswert wohl kaum; auch mitten auf dem breiten Strom umschwirren uns bald dichte Schwärme von Moskitos. An Land, denke ich, werden sie nicht seltener sein. Da wird der Grünrock es wohl machen müssen wie ich in Daressalam, wo ich mich in meinem Anopheles-Dorado, d. h. meinem zwar von herrlichen Kokospalmen und Mangobäumen überschatteten, dafür aber wenig luftigen und von Moskitos überreich bewohnten Zimmer, vor diesen Mitbewohnern nur dadurch retten konnte, daß ich nach Sonnenuntergang mitsamt meinem Arbeitstisch und meiner Lampe stets unter einem Moskitonetz saß, das von einem Rahmen herab an der Decke hing. Der auf diese Weise geschaffene Arbeitsraum war zwar ungeheuer eng, aber er gab dem Insassen doch das Gefühl der reinsten Freude, nämlich der Schadenfreude. Mochten sich die braven Anopheles draußen auch noch so blutgierig und in noch so dichten Schwärmen an die dichten Maschen des Netzes heften, der intelligente Msungu, der Europäer, war vor ihnen absolut sicher.
Reede von Lindi.
Was für den Ozeandampfer das Deckwaschen in den frühesten Morgenstunden, gerade zur Zeit des schönsten Schlafes ist, das ist für den „Rufidyi“ die Holzübernahme im Simba-Uranga-Fluß und die Ladungsübernahme auf der freien Reede von Kilwa; in beiden Nächten bin ich bei dem unausgesetzten Gepolter der geworfenen Gegenstände und dem ebenso unausgesetzten Gebrüll der Mannschaft nur sehr wenig zum Schlafen gekommen. Der wirklich wunderbare Sonnenuntergang auf dem Simba Uranga war dafür ebensowenig eine Entschädigung wie die wundervoll stimmungsvolle Ausfahrt am nächsten Frühmorgen. Erquickend hätte erst wieder die frische Brise des Monsuns draußen auf dem offenen Meer wirken können; aber kaum hatten wir dieses erreicht, so begann der Meeresgott auch schon wieder sein Opfer zu fordern. Ich weiß nicht, ob und in welcher Weise ein gesundes Nervensystem auf den Heizungsmodus des „Rufidyi“ reagieren wird; uns drei seekranken Passagieren, die wir uns bis Kilwa in die Annehmlichkeiten seiner Kommandobrücke teilten, ist er furchtbar und unerträglich erschienen. Von den beiden Schwesterschiffen hat wenigstens der „Rovuma“ einen guten Magen; der verdaut die etwa 80 Zentimeter lang geschnittenen Mangroveknüppel wie sie in seinen Kessel hineingeworfen werden. Der „Rufidyi“ hingegen ist von zarterer Konstitution; sein Magen nimmt die Nahrung nur in verkleinertem Zustand auf. Kaum erscheint über dem östlichen Horizont der erste Dämmerschein des grauenden Tages, da kracht, von dem nervigen Arm eines muskulösen Baharia geschwungen, der schwere Hammer mit voller Wucht hernieder auf den Stahlkeil, den ein anderer schwarzer Matrose hilfreich mitten auf den ersten dieser Mangroveblöcke gesetzt hat. Schlag auf Schlag erdröhnt; das eisenzähe Holz ächzt und stöhnt; endlich ist der erste Bissen für den gefräßigen Kessel zerkleinert; in hohem Bogen fliegen die einzelnen Stücke in den engen Heizraum. Krach! erdröhnt es auch schon von neuem, daß der ganze Schiffskörper erzittert. Das Spiel wiederholt sich so Stunde um Stunde, den ganzen Tag hindurch, bis zum Abend hin. Erst dann haben die Negerarme Ruhe; dankbar aber begrüßen unsere seekranken Gehirne diesen Moment des Feierabends; denn was in der ersten Stunde noch erträglich erscheint, jener unausgesetzte Rhythmus des dröhnenden Hammers, in den elf anderen steigert er sich zur fürchterlichsten Qual.