Meine schwarze Mannschaft hat sich genau so gegeben, wie Kenner dieser Rasse es mir vorausgesagt hatten. In Daressalam hatte jeder der Siebenundzwanzig sein Poscho auf vier Tage bekommen, d. h. die Mittel und zugleich auch den Auftrag, sich für diese Zeit mit Proviant zu versehen. Schon in Simba Uranga trat der Mnyampara, der Trägerführer, an mich mit dem Ansinnen heran, für ihn und seine dreiundzwanzig Untergebenen neue Vorräte zu kaufen; sie hätten bereits alles aufgegessen. Dieses Mal schützte mich der gänzliche Mangel an verkäuflichen Lebensmitteln in jenem Urwald vor einer abschlägigen Antwort; auch Moritz gegenüber, der „fein“, wie er nun einmal ist, durchaus Fisch haben wollte. Ihn habe ich kühl lächelnd die Treppe hinuntergeworfen. Aber so sind sie, diese Kinder des dunklen Weltteils; sie leben stets nur dem Augenblick und sorgen nicht für die Zukunft, ja nicht einmal für den nächsten Morgen. In Kilwa habe ich richtig noch ein paar Rupien springen lassen müssen, um diese trotz ihrer Seekrankheit nimmersatten Gesellen zur Ruhe zu bringen.
Kilwa — Kilwa Kiwindje genannt zum Unterschied von dem alten, weiter im Süden gelegenen Portugiesen-Emporium Kilwa Kisiwani — ist uns Älteren aus dem Araberaufstande von 1888 in traurigem Angedenken. Damals haben ein paar Angestellte der Deutschostafrikanischen Gesellschaft dort ihr tragisches Ende gefunden, lediglich weil unsere Flotte nicht eingriff. Dieser ist seither mancher schwere Vorwurf darüber gemacht worden. Heute, wo ich die topographischen Verhältnisse des Ortes durch eigenen Augenschein kenne, wird mir jener traurige Vorgang verständlich; die berüchtigten Tiefenverhältnisse der dortigen Küstenregion bringen es mit sich, daß europäische Dampfer draußen in fast unabsehbarer Ferne ankern müssen. Daß die Notzeichen der beiden Unglücklichen damals von unserm Kreuzer aus nicht gesehen worden sind, begreift man bei dem riesigen Abstande, in dem große Schiffe auf der Reede ankern müssen, vollkommen.
Unter normalen Umständen dauert die Fahrt mit dem „Rufidyi“ von Daressalam bis Lindi drei Tage; wir haben sie indessen in dieser wahrlich nicht kurz bemessenen Zeit nicht geschafft. Südlich von Kilwa hört der Schutz auf, den auf der nördlichen Fahrstrecke die große Insel Mafia und die zahllosen kleinen Koralleneilande vor dem Südwind bieten; infolgedessen faßt dieser das kleine Fahrzeug mit noch ganz anderer Kraft als die beiden Tage vorher. Ich bin jetzt der einzige Passagier, habe also genügend Platz, bin aber trotzdem womöglich noch elender als zuvor, denn auch das letzte Genußmittel, das mich vordem noch hatte reizen können, die Apfelsinen, sind gänzlich aufgezehrt. Schon kurz nach Mittag beginnen Kapitän und Steuermann besorgt ihre Karte zu studieren.
„Wann werden wir in Lindi sein?“ frage ich müde und matt aus meinem Liegestuhl heraus.
Eine ausweichende Antwort. Es wird allmählich Spätnachmittag; auf Steuerbord zeigt sich immerfort das gleiche Bild: eine weiße, krause Brandungslinie; dahinter der spezifisch grüne Wall der Mangroven. Kapitän und Steuermann sind noch immer über ihre Karte gebeugt; die Sonne steht nicht mehr weit vom Horizont.
„Ist jener Vorsprung dort etwa das Kap Banura?“ frage ich, in der Meinung, jetzt gleich in die unverkennbare Bucht von Lindi einfahren zu können.
Wiederum eine ausweichende Antwort. Nunmehr wird es mir allmählich klar, daß auch die beiden Schiffslenker mit den Geheimnissen dieser Küstenstrecke noch nicht sehr vertraut sein können; wirklich ist der Kapitän ganz neu, der Steuermann aber fährt nur zum Ersatz für einen Beurlaubten mit. Wir sind, da die Sonne rasch zur Rüste ging, dann in die erste beste geräumige Bucht eingefahren, haben dort eine wundervoll ruhige Nacht verlebt und haben die letzten drei, vier Stunden bis Lindi am vierten Tage ohne weitern Zwischenfall zurückgelegt. Unser Zufluchtshafen war die Mtschingabai; sie war weder den beiden Seebären noch mir bekannt, wohl aber, wie sich nachher herausstellte, den beiden Maschinisten. Nur war es wie immer, wo Deutsche auf engem Raum zusammenleben müssen: beide Parteien lebten in grimmer Fehde, aus welchem Grunde die Herren des Heizraumes es nicht für nötig befunden hatten, die Kollegen von der Kommandobrücke über den Schiffsort aufzuklären.
Die Einfahrt in die Bucht von Lindi hat etwas Feierliches an sich. Hart biegt das Schiff um Kap Banura herum, da weitet sich vor uns plötzlich ein gewaltiges Becken, wohl 15 Kilometer lang und 5 bis 6 Kilometer breit; die umgebenden grünen Bergzüge sind nicht hoch, aber doch stattlich zu nennen und stürzen besonders aus dem Südufer steil zum Meer ab. Der „Rufidyi“ sieht aus wie ein schwarzes Pünktchen auf dieser weiten, silberglänzenden Fläche. Rasch nähert er sich dem Städtchen Lindi selbst. Es liegt unter dichten Kokos- und Kasuarinenhainen malerisch auf einer Landzunge, die gebildet wird durch die abschließende Rückseite der rechtwinkeligen Bucht und das linke Ufer eines scheinbar gewaltigen Stromlaufes, der sich über Lindi hinaus sichtlich noch tief ins Innere fortsetzt. Der Geograph weiß, daß dem nicht so ist, sondern daß diese wohl immer noch 800 bis 1200 Meter breite Wasserfläche das Ästuar des winzigen Lukuledi darstellt. Dieser würde ein solches Bett heute nimmer zu füllen vermögen; was wir als seine Mündung betrachten, ist vielmehr das tief unter das Niveau des Indischen Ozeans gesunkene, ganze Flußtal eines weit ältern Lukuledi. Geologisch sind alle unsere Häfen an dieser Küste gleichen Ursprungs; ob Daressalam, ob Kilwa Kisiwani, Lindi oder Mikindani, sie alle sind vollgelaufene Täler. Afrika mit seiner ungefügen Masse sieht auf der Landkarte langweilig aus, das gebe ich zu; rückt man aber dem Erdteil selbst auf den Leib, so ist er in allen seinen Teilen interessant. Schon an der Küste hebt es an.
Arabische Dhau. Zeichnung des Mwemba-Askari Stamburi (s. [S. 449]).