Kettengefangene, nach einer Zeichnung des Munassajünglings Salim Matola (s. [S. 451]).

Viertes Kapitel.
Lehrzeit an der Küste.

Lindi, 9. Juli 1906.

Afrika ist das Land der Geduldübung. Mit diesem Übelstande haben sich alle Reisenden vor mir abfinden müssen; auch mir scheint er nicht erspart werden zu sollen. Erst beinahe drei Wochen tatenlos in Daressalam, jetzt schon wieder fast ebensolange in einem andern Küstennest; das ist etwas viel, zumal wenn man für seine Reise so wenig Gesamtzeit zur Verfügung hat und wenn gerade die schönste Periode des Jahres, der Anfang der Trockenzeit, unwiederbringlich dahinschwindet.

In Daressalam war der Grund für das lange Hinzögern des Aufbruchs die Seltenheit des Dampferverkehrs an der Küste; hier in Lindi ist es die Abwesenheit des kaiserlichen Bezirksamtmanns und die damit im Zusammenhang stehende Entblößung des Bezirksamts von verfügbaren Polizeitruppen. Ohne Soldaten soll ich nicht gehen; Soldaten sind aber erst dann zu haben, wenn Herr Ewerbeck zurück sein wird; folglich muß ich dessen Rückkehr wohl oder übel abwarten. Aber langweilig ist die Zeit mir weder in Daressalam, noch hier in Lindi geworden. Daressalam mit seinem Volksreichtum und seinen vielen Weißen würde auch schon dem bloßen Touristen genug des Neuen bieten, um wieviel mehr mir, der ich mich, sooft es nur meine Zeit zuließ, im engsten Verkehr mit den Eingeborenen für meine Forschungsaufgabe vorbereitet habe. Ich habe manchen Vor- und Nachmittag in den Hütten und auf den Höfen der Eingeborenen zugebracht und habe auch wunderhübsche Ngomenlieder auf der Phonographenwalze festgelegt, ganz abgesehen von den zahlreichen Liedern, die ich Solosängern verdanke, und den Spielproben, die Angehörige der verschiedensten Völkerstämme vor mir in meinem Moskitoparadies auf dem Deversschen Hof auf ihren Stammesmusikinstrumenten ablegten. An einem Tage hatte das Bezirksamt von Daressalam in entgegenkommendster Weise sogar ein Ngomenfest eigens für meine Aufnahmezwecke veranstaltet. Leider sind meine damaligen kinematographischen Aufnahmen alle verwackelt oder überexponiert, so daß mir lediglich der Trost einiger passabel gelungener photographischer Wiedergaben dieser originellen Tänze und die guten Phonogramme bleiben. Über diese Tänze und ihre Begleitung später mehr.

Hier in Lindi hat mein Aufenthalt nicht so harmlos und friedfertig begonnen, wie ich es erhofft hatte. Kaum einen Tag nach meiner Landung mußte ich schon Zeuge der Hinrichtung eines Aufständischen sein. Angenehm ist eine solche Exekution entschieden selbst für harte Gemüter nicht; wenn sich dann aber zu dem Verlesen des langen Urteils in Deutsch und Suaheli auch noch ein bemerkenswertes Ungeschick in den technischen Vorbereitungen geltend macht, wie das hier der Fall war, so wird die Prozedur sogar für den gleichgültigsten Schwarzen eine Qual. Zwar hatte man an dem starken horizontalen Ast des großen Baumes, an dem in Lindi die Hinrichtungen gewohnheitsmäßig vollzogen werden, zur Vorsicht gleich zwei Schlingen angebracht; aber als der Verurteilte schließlich oben auf der Plattform, von der er den unfreiwilligen Sprung ins Jenseits unternehmen sollte, vor ihnen stand, zeigte es sich, daß beide nicht einmal bis zur Höhe des Halses herunterreichten. Die stoische Ruhe, mit der der Delinquent dann das Heranschleppen einer Leiter und die Verlängerung eines der Stricke abwartete, war für den Negercharakter mit seiner geringen Einschätzung des eigenen Lebens jedenfalls außerordentlich bezeichnend.

Im Gegensatz zu anderen Küstenstädten hält Lindi auch in seinem Innern, was es bei seinem äußern Anblick verspricht. Freilich ist die lange, gewundene Gasse, in der die Inder ihre Läden und Werkstätten haben, ebenso häßlich, wenn auch hie und da nicht ohne malerischen Anstrich, wie die entsprechenden Stadtteile von Mombassa, Tanga und Daressalam, doch liegen die Eingeborenenhütten in den anderen Teilen des weitläufig angelegten Städtchens alle in frisches Grün eingebettet. Im Straßenleben walten gegenwärtig zwei Elemente vor: der Askari und der Kettengefangene; beide stehen in inniger Wechselbeziehung zum soeben beendeten Aufstand. Von der Schutztruppenkompagnie Nr. 3 liegt zwar der bei weitem größte Teil augenblicklich an strategischen Punkten im Innern, in Luagala auf dem Makondeplateau, und in Ruangwa, dem ehemaligen Gebiet des Häuptlings Seliman Mamba, weit hinten im Wamueralande; trotzdem aber bleibt für die Garnison noch genug Khaki übrig, ja, die ockerbraune Farbe unserer Soldatenbluse ist sogar eine ständige Erscheinung im Straßenbilde. Überall in der Umgebung der beiden Bomen, der alten Polizeiboma sowohl wie auch der neueren Schutztruppenkaserne, zeigen sich lange „Ketten“, vor und hinter denen je ein reisiger Krieger als Aufsichtsposten schreitet. Diese Ketten sind, wie der Name sagt, durch Eisenketten aneinander gefesselte Strafgefangene, die in dieser Weise ihre Schuld sühnen. Was ist bei uns daheim im Reichstag über die Barbarei dieser Art von Strafvollzug alles geredet worden, und wie oberflächlich ist die Mehrzahl der Redner sicher über die Psyche und das Rechtsgefühl des Negers unterrichtet gewesen! Immer und immer wieder haben berufene Federn, d. h. Männer, die auf Grund eines langen Aufenthalts im Lande auch das Volk und seinen Charakter kennen, darauf hingewiesen, daß für den Schwarzen ein bloßes Einsperren keine Strafe, sondern eher eine direkte Anerkennung seiner mehr oder minder großen Schandtat sein würde; aber wie wenig hat das genützt! Wir Deutsche müssen nun einmal schablonisieren und selbst so verschieden geartete Rassen wie Weiß und Schwarz über ein und denselben Kamm scheren. Freilich, eine Annehmlichkeit ist das Zusammengekettetsein mit rund einem Dutzend Leidensgenossen unter keinen Umständen, wenngleich die Kette seitlich des Halses durch einen weiten Ring läuft, so daß für den Einzelnen wenigstens eine geringe Bewegungsfreiheit besteht; welche Unzuträglichkeiten bringt allein die ungleiche körperliche Organisation in bezug auf die Befriedigung natürlicher Bedürfnisse mit sich! Doch zu ihrem Vergnügen werden die Leute ja auch nicht angekettet.

Seliman Mamba.