Besonders schwere oder gesellschaftlich hervorragende Übeltäter scheinen übrigens den Vorzug der Einzelhaft zu genießen. In den Gesprächen der wenigen Europäer, die augenblicklich in Lindi leben, kehrt am häufigsten der Name Seliman Mamba wieder; er hat im Aufstande des Südbezirks so lange die Führung innegehabt, bis man ihn schließlich erwischt hat, und nun harrt er im Lazarett von Lindi der Vollstreckung des jüngst über ihn gesprochenen Urteils. Da er eine ganze Reihe von Menschenleben, auch das von Europäern, auf dem Gewissen hat, so hat er sein Schicksal wohl verdient. Als historische Persönlichkeit, die in den Annalen unserer Kolonie zweifellos lange weiterleben wird, war Seliman Mamba wohl der Verewigung seiner Züge würdig, und darum habe ich ihn eines schönen Tags im Hofe des Lazaretts photographiert. Der Mann war sichtlich leidend und konnte die schwere Kette nur mit größter Anstrengung mit sich tragen. Seine unmittelbar bevorstehende Hinrichtung wird für ihn in jeder Beziehung eine Erlösung sein.
Weitaus erfreulicher als alle diese Einblicke in die Folgen des Aufstandes sind die Ergebnisse meiner wissenschaftlichen Beschäftigung mit meinen eigenen Leuten und den Suaheli gewesen. Meine Wanyamwesiträger scheinen das tatenlose Stillsitzen nicht vertragen zu können; vom zweiten Tage unseres Aufenthalts in Lindi an belagern sie mich von morgens früh bis abends spät mit der stummen oder auch lauten Bitte, ihnen Beschäftigung zu geben. Das habe ich auch mit vielem Vergnügen getan; die Leute haben zeichnen müssen, soviel sie nur wollten, und haben auch in meinen Phonographentrichter singen dürfen, sooft sich dazu die Gelegenheit bot. Schon jetzt zeigt sich, daß unsere etwas abenteuerliche und vom Meergott durchaus nicht freundlich behandelte Fahrt auf dem „Rufidyi“ wenigstens ein versöhnendes Ergebnis gezeitigt hat: bei meinen Leuten haben sich ihre Leiden und die daraus entsprungene Behandlung seitens der Schiffsmannschaft zu einem Liede verdichtet, das sie jetzt gern und oft, mit viel Ausdauer und auch mit durchaus ansprechender Vortragsart singen. Hier ist es:
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Dem Inhalte nach heißt das etwa folgendermaßen:
„Wir sind Tag und Nacht, bis zum hellen Tage, an Bord gewesen und haben dann Anker geworfen. Die Baharia an Bord, die Matrosen, aber haben gesagt: Ihr Schensi aus dem Innern, ihr werdet euch tot speien. Aber wir sind doch heil nach Lindi gekommen und haben (zu den Baharia) gesagt: Ihr habt Gott verspottet (indem ihr sagtet, wir würden sterben), aber wir sind doch gesund angekommen.“
Diese Sangeslust ist für die Wanyamwesi charakteristisch. Im Laufe meines unfreiwilligen Aufenthaltes habe ich schon manchen Photographierbummel unternommen, bei denen mich meine Leute gar zu gerne begleiten. Dann muß ich die wenigen Gerätschaften, die zu solchem Vorhaben nötig sind, immer auf möglichst viele meiner Braven verteilen, damit nur ja auch jeder etwas zu tragen hat. Es dauert dann niemals sehr lange, bis Pesa mbili, der Mnyampara oder Trägerführer, mit seiner wohlklingenden Stimme zu singen anhebt, worauf dann prompt und in bewunderungswürdigem Takt der Chor einfällt. Auch von diesen kleinen Marschliedern hier eine Probe:
Kabowé kabowé komässó; Namuki kabowé komässó.
Wambunga kabowé komässó, Namuki kabowé komässó.
Ki kabowé komässó. Wamuera kabowé komässó;