Ja, diese Skizzenbücher! Ich weiß nicht, wie lange die Erinnerung an mich hier im Süden und bei meinen eigenen Leuten im Gedächtnis haften bleiben wird, und ob man überhaupt des Bwana Picha, wie ich hier heiße, d. h. des Mannes, der alles photographiert, noch über den Schluß der Expedition hinaus gedenken wird. Wenn es geschieht, dann, so sagt mir mein Gefühl, wird weder mein ganz unaussprechlicher Name — ein einziges Mal haben meine Wanyamwesi das Wort Weure zuwege gebracht, aber sie mußten dermaßen dabei lachen, daß ich keinen weiteren Versuch gemacht habe, sie an dieses Unwort zu gewöhnen — noch mein Titel — einen Bwana Pŭfēsa hatten sie aus dem Herrn Professor gemacht — noch die Zaubernatur meiner Maschinen diese Erinnerung vermitteln, sondern die vielen Bücher mit dem schönen weißen, dicken Papier werden dieses Verewigungsmittel sein. Es ist aber auch gar zu schön, diese Blätter so in aller Behaglichkeit zu bekritzeln.

In Lindi war es, wo die Kunstbetätigung meiner schwarzen Freunde so recht von Herzen einsetzte. Besonders Herr Barnabas war unermüdlich; stolz und doch erwartungsvoll überreichte er mir täglich immer neue Meisterwerke. Ich bringe hier in diesen Blättern nur eins: die Elefantenherde auf [Seite 238]; aber schon diese Skizze allein charakterisiert den Künstler vollkommen. Hat man das Recht, ihm eine gewisse Kraft der Auffassung abzusprechen, und steht nicht auch die technische Durchführung vollkommen auf der Höhe? Freilich ähneln die einzelnen Tiere mit ihren kurzen Beinchen bedenklich unserm Hausschwein, in der Kopfpartie aber dem Chamäleon; der obere Rüsselstrich ist auch hinter dem linken Stoßzahn sichtbar, und dem „mtoto, dem Elefantenkinde“, auf der rechten Bildseite fehlt gar der Hinterleib — aber gleichwohl: der Mann kennt nicht nur die Perspektive, sondern er wendet sie auch an, und in nicht einmal übler Weise zudem.

Nur einen Fehler hat Barnabas bei allen seinen Künstlertugenden: er ist kein „Schensi“, kein roher, unbeleckter Hinterwäldler, sondern ein Gebildeter, ja ein Gelehrter sogar. Von Geburt ein Makua weit aus dem Innern, hat er in Lindi die Regierungsschule absolviert, um nunmehr in dem kleinen Postamt des Städtchens als „Postboy“ dem wichtigen Geschäft des Abstempelns der Briefe, des Wiegens der Pakete usw. obzuliegen. Nebenher schriftstellert er gar für die in Tanga erscheinende Suahelizeitung „Kiongosi“.

Also mit Barnabas ist es nichts; ihn kann und darf man nicht als Vertreter der Urkunst betrachten. Dafür alle andern: Träger, Soldaten, Wilde; keiner hat bislang Papier und Bleistift in der Hand gehabt.

Wangoni-Frauen von Nchichira.


GRÖSSERES BILD

In hoher Blüte steht die Marinemalerei. Kein Wunder; dem Motiv eines auf der Meeresflut schaukelnden, segelnden oder dampfenden Fahrzeuges widersteht schon im kalten, nebligen Uleia so leicht kein ästhetisch veranlagtes Gemüt, um wieviel weniger hier am stahlblau leuchtenden Indischen Ozean. Mein Askari Stamburi, so benannt nach der Stadt des Padischah am Goldenen Horn, ist im Dienst ein schneidiger Soldat, außer Dienst ein Don Juan; jetzt entpuppt er sich unerwarteterweise auch noch als bedeutender Marine- und Tiermaler. Auch er ist Landratte, weit hinten am obern Rovuma zu Hause; daher ist ihm das Abenteuer des Matambwefischers ([Seite 421]) besser gelungen als das Bild der arabischen Dhau ([Seite 41]). Exakt genug ausgeführt ist sie freilich; sie ist gerade vor Anker gegangen; noch bläht sich das Segel an der Gaffel; auch Flagge und Steuerruder sind vorhanden. Zum Überfluß auch noch drei Paddelruder, die oben in den Wolken schweben. Sie sind für die Windstille berechnet, wie mir der Zeichner sagt. Doch, was ist das in der Mitte? Hat das Schiff ein Leck oder deren gleich zwei? Weit gefehlt! Ladeluken sind’s, mein Freund. Solche Öffnungen sind auf dem Schiff vorhanden, das weiß Stamburi; also muß er sie auch anbringen; das ist Künstlerpflicht. Perspektive kennt er nicht; somit dreht er sie einfach um 90 Grad und sieht sie seitlich von oben. Dem Genie erwachsen keine Schranken.

Der Matambwemann vom obern Rovuma ist fischen gegangen; dort an der Strombiegung hat er sein Boot verankert, die Angel mit dem ungefügen Eisenhaken ausgeworfen und harrt nun mit der philosophischen Ruhe des alten Anglers auf das bewußte Zerren an der Leine. Gerade jetzt erfolgt es; ein kurzer Moment des Wartens noch, dann ein Ruck, ein gewaltiger Schwung — ein breites, rundes Etwas liegt im Grase. Bedächtig läßt der Fischer die derbe Schnur durch die Hand gleiten, um die Beute zu sich heranzuziehen; da, was ist das? Taucht der Scheitani aus den Fluten, der Satanas, oder ist es der Flußgott selbst, was sich dort so schnell wie das Feuer, das Mulungu unter gewaltigem Getöse so oft aus den Wolken zur Erde herunterschickt, auf seine schöne, große Schildkröte stürzt? Rasches Handeln ist sonst des graubärtigen Alten Sache nicht, doch hier heißt’s festhalten, was man hat. Zudem ist’s ja auch nur eine gewöhnliche Schlange, wenn auch ein gewaltiges Exemplar, was ihm dort seine Beute streitig macht. Der werden wir sie schon abjagen!

Das historische Genre, so könnte man in der Tat die ganze hiesige Malerschule benennen; stets bringt sie Szenen aus dem täglichen Leben, aber es sind gleichzeitig doch historische Vorgänge, die der Maler mit eigenen Augen verfolgt hat, deren Einzelzüge ihm fest im Gedächtnis haften, und deren handelnde Personen, ob Mensch oder Tier, wirkliche Porträts sind. Der Zug des reinen Genres wird noch am meisten gewahrt von den Zeichnungen auf [Seite 206], [345] und [463]; die Frau unter der Hüttenbarasa am Mörser ([S. 206]) ist ein ebenso alltägliches Bild aus dem Volksleben wie die Mutter mit dem Baby auf der Hüfte ([S. 345]); da entfällt das Moment des Porträts noch am ehesten. Auch bei der Überreichung der beiden Eingeborenen ([S. 463]) durch Pesa mbili war von der Darstellung bestimmter Persönlichkeiten keine Rede; an jenem 21. Oktober hatte ich mich in der Boma von Mahuta vorwiegend mit dem Studium der Ziernarben befaßt; viele Männer hatten sich entkleiden müssen; das hatte den intelligenten Mnyampara zu der Wiedergabe von ein paar solchen Gestalten angeregt.