Es lohnt sich wohl, das Sammeln hierzulande, vom wissenschaftlichen wie vom künstlerischen Standpunkt aus. Ostafrika gilt ja im Gegensatz zum Kongobecken, zu Nordkamerun und einigen andern Teilen des Westens als ein ethnographisch langweiliges Gebiet, und künstlerische Ansprüche an Form und Ausstattung der Waffen und Geräte seiner Völker darf man im allgemeinen nicht stellen.
Um so überraschter bin ich gewesen, in manchen Schnitzwerken meiner Forschungsprovinz wahre Kabinettstücke der Kleinkunst zu entdecken. Die Tanzmasken sind zum großen Teil wohl nur schematische Darstellungen, sei es der Frau oder des Mannes, oder irgendeines Tierkopfes. Eine geringe Anzahl von Exemplaren der von mir zusammengebrachten Sammlung stellt Porträts berühmter Persönlichkeiten dar: einiger bewährter Helden aus dem letzten Aufstand, ein besonders hübsches junges Mädchen und dergleichen mehr; im großen und ganzen aber sind sie alle, das läßt sich nicht leugnen, nur sehr rohe Arbeiten. Um ein weniges höher stehen schon die von mir früher gestreiften Statuen der Urmutter; die Anatomie und Harmonie des Körpers läßt zwar auch hier sehr zu wünschen übrig; dafür sind einige der Figuren, soweit meine Kenntnisse reichen, die einzigen Darstellungen des Menschen aus Afrika, die wirklich durchgearbeitete Füße aufweisen.
Litotwe.
In hohem Grade geschmackvoll, in Durchführung und Stil selbst verwöhnten Ansprüchen genügend, sind besonders die Mitete, jene kleinen Büchschen aus hartem Holz, die von den Leuten zum Aufbewahren und Tragen ihres Schnupftabaks, ihrer Medizinen, hie und da auch ihres Schießpulvers benutzt werden. Was die ältere Generation der Männer als Ziernarbenornament in ihre Haut eingeritzt mit sich herumträgt: die Darstellung der ganzen Fauna des Landes, es tritt uns als Gebilde der freien Kunst hier in den Mitete von neuem entgegen. Stets ist es der Deckel des Gefäßes, der zum Kunstwerk ausgestaltet worden ist; er zeigt uns die verschiedensten Affenarten, das Gnu, den Buschbock und andere Antilopen, vor allem aber kehrt er in der Gestalt des Litotwe wieder und damit eines Tieres, das allerdings im höchsten Grade zur künstlerischen Nachbildung reizen muß. Dem Körper nach ist dieses Litotwe eine Art riesige Ratte, wohl von Kaninchengröße, in der Bildung seines Kopfes gemahnt es hingegen an den Elefanten, oder doch mindestens an den Ameisenbären. Der Kopf läuft in einen unendlichen Rüssel aus, so lang und zierlich, daß man glauben möchte, er fände gar kein Ende. In Chingulungulu habe ich einmal ein solches Wundertier zu zeichnen begonnen. Salim Matola, der Tausendsasa, hatte eins gefangen und mir in einem schnell improvisierten Käfig auf meinen Eß- und Arbeitstisch gesetzt. „Unsere“ Windhose ist schon vorbei, und bleierne Hitze brütet über Mensch und Tier. Nur ich bin fleißig wie immer; rasch fliegt mein Stift über das Papier, schon ist der Kopf des Litotwe vollendet. Bis dahin hat das Modell ganz manierlich „gesessen“, jetzt wird auch es schläfrig; immer tiefer senkt sich das Rüsselchen, immer bequemer und formloser legt sich der Körper auf mein einziges Tischtuch. Zur Aufmunterung „pieke“ ich die Flanken mit dem spitzigen Stift. Wie elektrisiert fährt das Rüsselchen hoch, senkt sich aber alsbald langsam wieder; ich pieke noch einmal, derselbe Erfolg; gerade will ich zum dritten Stich ausholen, da passiert dem Tierchen etwas Menschliches, Allzumenschliches. Im selben Augenblick schon fliegen Modell und Käfig in hohem Bogen nach außen; ich vermeine, ein leises, höhnisches Lachen zu vernehmen; ein Blick hinterher, der Käfig ist leer. Das war des Litotwe Rache.
Neben der Tierwelt kehrt in diesen Mitete vor allem der Mensch außerordentlich häufig wieder, und auch er ist glänzend durchgeführt. Aber sind wir in China, daß ein stattlicher Zopf vom Schopf des Gebildes herniederwallt? O nein, John Chinaman liebt es nicht, sein gelbes Antlitz zu zerstören; diese Physiognomien aber sind zerfetzt wie das Antlitz manches deutschen Studenten. Mavia seien es, werde ich belehrt, bei denen trügen die Männer eine solche Haartracht; beide Geschlechter aber seien bei ihnen noch viel mehr tätowiert als selbst die Makonde.
Bis heute weiß ich noch nicht, ob diese Mitete in der fast unübersehbaren Fülle ihrer Motive und ihrer durchweg prächtigen Durchführung das Werk hiesiger Künstler, oder ob sie Selbstporträts der Mavia sind. Die Verkäufer dieser Kostbarkeiten schweigen sich darüber aus, oder sie antworten, was hierzulande jeder in dem Falle sagt, wo er über den Autor eines Stückes nicht im klaren ist: „Schensi“ heißt es da, das will sagen: irgendein Unbekannter dahinten hat es gemacht. Für unser Urteil über diese Kunst ist das im übrigen belanglos.
Eine Art der Kunstübung scheint den Makonde zu fehlen. Wie immer in meinen Standquartieren schweife ich in jeder freien Stunde in die Weite, um die Eingeborenen in ihren Dörfern, in ihrem Heim zu belauschen. Das ist hier nicht so leicht wie sonst. Ich glaube, man könnte über das ganze Makondeplateau hinspazieren und träfe unter Umständen nicht eine einzige Siedelung, so versteckt liegen die kleinen Weiler im Busch. Doch wir haben hier einen idealen Führer; das ist Ningachi, der Lehrer; sein Name bedeutet: „Was denkst du?“ Nun ist Ningachi ein kreuzbraver Mann, aber ein starker Denker scheint er mir trotz seines Namens nicht gerade zu sein; er hat auch zumeist gar keine Zeit dazu, denn er ist mein Reisemarschall und mein Dolmetsch von früh bis spät; sogar junge, fette Hühner hat er uns schon höchst eigenbeinig aus weiter Ferne herangeholt.
Unter Ningachis Führung haben wir mehr als ein Makondedörfchen erschaut. Malerisch sind sie, das muß ihnen der Neid lassen, aber komfortabel selbst im bescheidenen Sinne des Negers ist keine der elenden, luftigen Rundhütten, in denen die Generationen dieses Volkes dahindämmern; nicht einmal den sonst so allgemeinen Lehmverputz hat der Makonde, und damit entfällt die Freske von selbst. In gewisser Weise bedeutet das für mich eine Erholung; wie bin ich in den früheren Monaten gejagt, wenn es hieß, dort in jenem Dorfe sind die Häuser schön bemalt. Bemalt waren sie dann allerdings, aber schön? Zeichnet unser Söhnchen schön, oder auch die unbeholfene Patschhand unserer Tochter? Embryonenhaft, ungelenk, ohne Perspektive, das sind auch die Grundzüge dieser Art von Negerkunst, die unsere Kunstwissenschaft, und leider auch die Völkerkunde, immer von neuem mit den stammelnden Kritzeleien unserer Kleinen verglichen haben.
Ich bin Ketzer in dieser wie in so mancher andern Richtung. Möchten doch Kunstgeschichte und Völkerkunde einmal das Experiment machen, einen guten deutschen Normaljungen — es kann auch ein Mädchen sein — ohne jede Betätigung mit Feder und Blei aufwachsen zu lassen, sozusagen als Wilden. Dann nehme man ihn her, mache es wie ich hier mit meinen Negern und gebe ihm Papier und Bleistift in die Hand mit dem Auftrage, irgend etwas zu zeichnen. Würde wohl etwas wesentlich anderes herausspringen als das Bilderbuch des kleinen Moritz? Es geht durch die ganze Menschheit der Zug, zugängliche freie Flächen, Fels- und Hauswände, Aussichtstürme und Bedürfnisanstalten mit den Werken einer Art Ur- und Universalkunst zu bedecken. Wo nicht der wirklich geübte Künstler sich einmal vergessen hat, wo vielmehr der Mann des Volkes, der Handwerksbursche und der Landstreicher seine Zeichen macht, da sind diese „Werke“ in Auffassung und Charakter nicht um einen Deut anders als die farbigen Tonmalereien oder die Ritzfiguren meiner Wangoni, Yao und Makua oder die Bleistiftzeichnungen aller dieser Völker und meiner eigenen Leute in meinen Skizzenbüchern.