Mit diesem Hinweis auf den persönlichen Geschmack haben wir in der Tat die einwandfreie Lösung für die Narbenverzierung selbst, sodann auch für die Wahl der jeweiligen Muster. Ich habe während meines Aufenthaltes in Newala, in Nchichira und vor allem jetzt hier in Mahuta Hunderte und Aberhunderte von Einzelwesen entweder photographiert oder doch wenigstens körperlich besichtigt, das Ergebnis, soweit ich es jetzt schon übersehen kann, ist die vollkommene Unmöglichkeit, aus dem Vorwalten bestimmter Figurengruppen auf die Stammeszugehörigkeit ihres Trägers zu schließen; „ninapenda“ will jede einzelne dieser Figuren besagen.
Nun ist nicht zu leugnen, daß es auch in dieser Narbenzier Moden gibt. Von irgendwoher ist eine neue Figur eingeschleppt worden; sie findet Anklang, erst bei der einen Mutter, dann bei der anderen und dritten; wie mit einem Schlage hat sie sich über eine ganze Generation verbreitet, wird von dieser durchs Leben getragen und kann so in der Tat als eine Art Stammesabzeichen gelten. Vielleicht hat in früherer Zeit jede der hiesigen Völkergruppen auf diesen Teil ihres Kulturbesitzes einen höheren Wert gelegt; nachweisen läßt sich dies heute nicht mehr, wie denn überhaupt die Sitte unter dem Ansturm der neuen Zeit zu schwinden scheint. Es bereitet nicht nur mir, sondern auch den Betroffenen selbst stets ein ganz ungeheures Vergnügen, wenn ich die Männer und Jünglinge plötzlich auffordere, sich einmal etwas zu dekolletieren, d. h. ihr Hemd abzulegen und mir Brust, Bauch und Rücken zu zeigen. Bei den Alten eine wahre Menagerie von Antilopen, Schlangen, Fröschen, Schildkröten und anderem Getier, Chikorombwe, Chitopole oder Teka auf der breiten Männerbrust, bei der heranwachsenden Generation wenig oder nichts. Bei dieser gilt es eben nicht mehr als fein; sie schielt nach der Küste mit ihrer Hyperkultur und begnügt sich, wenn sie sich überhaupt herabläßt den Körper zu ritzen, mit den beiden senkrechten Schläfenschnitten der Suaheli. Bei den Yao und den Nchichira-Wangoni sind diese Schnitte schon heute sehr allgemein, bei den anderen Völkern werden sie es von Jahr zu Jahr mehr.
Der Leiter eines ethnographischen Museums muß schon daheim in Europa ein tüchtiger Kaufmann sein; geht dieser selbe Mann aber unter die Neger, so muß er einen Armenier an Schlauheit, Gerissenheit und Geduld übertreffen. Ich habe schon früher mit wehem Herzen auf die ungeahnten Schwierigkeiten gerade des Sammelns hinzuweisen Gelegenheit gehabt und kann mir daher neue Jeremiaden ersparen, doch leicht machen mir die Herren Makonde das Zusammentragen ihrer Kulturgüter keineswegs. In dichter Kolonne rückt der schwarze Schwarm heran.
„Na, was hast du denn da?“ spricht man leutselig und herablassend zum Vordersten; ein völlig abgenutzter Rührlöffel liegt in meiner Hand. „Für den Msungu ist der noch gut genug“, hat sein holder Besitzer gedacht und ihn aus der Müllgrube, wohin er schon gewandert war, herausgeholt.
„Schensi!“ ist die milde Anerkennung dieses löblichen Verfahrens, „so, hier hast du deine Kostbarkeit wieder; zeig’ mal her, was du sonst noch hast; wo hast du denn deine Maske?“
Makondemasken.
„Ich habe keine, Herr.“
„So, dann will ich dir Gelegenheit geben, noch einmal gründlich nachzusehen, morgen früh bist du wieder hier, aber dann mit deinem mdimu; vergiß auch deine Schnupfbüchschen nicht.“
So wiederholt sich das im Laufe der Stunden wohl ein dutzendmal und mehr; in einigen Fällen hat der Bußgang Erfolg gehabt, in den anderen ist es den Leuten gar nicht eingefallen wiederzukommen. Seitdem wir das gemerkt haben, belieben wir ein anderes Verfahren: jetzt machen wir einfach den Jumben verantwortlich, und seitdem geht es, geht ganz ausgezeichnet sogar; allabendlich haben Knudsen, alle Boys und auch die Trägerelite alle Hände voll zu tun, um die am Tage erworbenen Schätze zu registrieren und zu bergen.