Auch von den Leistungen seiner Gefährten abgesehen, steht die Routenkarte Sabateles unter den Naturvölkern nicht vereinzelt da; über deren kartographische Leistungen sind vielmehr bereits ganze Bücher geschrieben worden. Gleichwohl entbehrt die kleine, anspruchslose Skizze keineswegs eines gewissen wissenschaftlichen und völkerpsychologischen Interesses. Wir sind gewohnt, jedes Kartenblatt von Süden her zu schauen; der Norden liegt uns stets oben. Bei allen meinen Negerkarten ist die Orientierung umgekehrt; sie sehen das dargestellte Gebiet von Norden her und legen den Süden nach oben. Auch das hier wiedergegebene Blatt ist im Original nach Süden orientiert; lediglich, um es mit unsern Karten in Übereinstimmung zu bringen, habe ich es um 180° gewendet. Falsch sind die Ortsabstände; das ist aber in der Situation auch wohl der einzige Fehler; von ihm abgesehen, ist die Gesamtleistung für ein völlig unberührtes Naturkind erstaunlich gut.

Eine Kombination von Landschaftsmalerei und geographischem Sehen ist schließlich die letzte der hier wiedergegebenen Eingeborenenzeichnungen; sie ist gleichzeitig ein Stück Heimatskunst, denn Salim Matola hat in ihr die Berge seiner Heimat Massassi zur Darstellung gebracht ([S. 87]). Mir hat es nie gelingen wollen, die stolze Bergkette im Bilde festzuhalten; hatte ich auf meinen Rundtouren den nötigen Abstand erreicht, so konnte ich darauf wetten, daß die Luft unklar sein und jeden Fernblick verhindern würde; war ich aber im Schatten der Berge selbst, so fehlte der Gesamtüberblick. Salim hat also dem Mangel abgeholfen, und er hat das in nicht einmal übler Weise getan. Freilich, der schwarze Jäger oben auf dem Gipfel des Chironji ist in Anbetracht der reichlich 800 Meter Seehöhe des Berges ebenso unverhältnismäßig groß geraten wie sein Jagdgewehr; auch der Baumwuchs ist in der Größe — nicht im Charakter — mißglückt; aber sonst stimmt alles: die Reihenfolge Mkwera, Massassi, Mtandi und Chironji als Riesen; links davon dann Mkomahindo, Kitututu und Nambele als kleines Anhängsel. Gut ist auch die Steilheit der einzelnen Berge wiedergegeben; desgleichen die abgerundete Kuppenform; ja selbst die Struktur des Gneises glaubt man in den Strichen Salims wiederzuerkennen.

Es scheint, daß ich überall die ersten Regen nach mir ziehe: in Newala bereits zu Michaelis, in Nchichira einige Wochen später; hier in Mahuta haben sie zu Ende des Monats Oktober gleich mit ziemlicher Heftigkeit eingesetzt. Zum Glück habe ich vor ihrem Eintreten die Eingeborenen doch noch bis zum Übermaß genießen können. Es sind wahre Volksfeste im kleinen gewesen, die die Makonde auf dem großen, schönen Platz hier im Laufe der Wochen gefeiert haben; ganz zwanglos entwickelten sie sich und boten mir damit auch die Gewähr, etwas Ungekünsteltes, Echtes zu sehen zu bekommen. Mehr als einmal sind auch hier Stelzentänzer mit ihren Riesenschritten, dem starren Maskengesicht und wehenden Kleidern durch die Volksmenge gestapft. Allgemeinen Beifall hat eines Nachmittags eine wohlgelungene Affenmaske geerntet, die das Gebaren unseres differenzierten Vetters wirklich ganz trefflich und naturgetreu nachzuahmen verstand. Der Neger lacht gern, vielleicht weil er weiß, daß diese Reflexbewegung zu seinem prachtvollen Gebiß gut steht; bei den Kapriolen und Purzelbäumen dieses Mimikers waren indessen die dröhnenden Lachsalven sehr wohl begründet. Ein Meister in allerlei Scherz und Kurzweil war ferner ein Volksgenosse, der sozusagen alles konnte; eine mittelgroße, überaus sehnige, muskulöse Figur, war der Mann zunächst ein unübertrefflicher Parterreakrobat, der dreist in einem europäischen Zirkus auftreten könnte; er produzierte sich gleich darauf in gleicher Meisterschaft am schwebenden Reck — vier starke Männer trugen eine lange Stange, die ihm als Evolutionsachse dienen mußte —; ausgezeichnet war derselbe Mann schließlich als „dummer August“. Der ganzen Rassenveranlagung nach entsprang die Komik dieser Figur aber auch nicht etwa der Physiognomie, sondern trat vorwiegend in Haltung und Bewegung der Beine zutage; im Kino habe ich das alles für die Zukunft festgehalten. Um den Beweis seiner Universalität zu vollenden und lückenlos durchzuführen, trat derselbe Mann im zweiten Teil des Programms als Held in einer Pantomime auf. Es war ein Ehebruchsdrama, der Ehemann ein Tölpel und Dummkopf, die Frau, nach antikem Muster durch ein männliches Individuum dargestellt, eine schlaue Kokette, der Cicisbeo ein aus alle Verführungskünste geeichter Don Juan. Soweit die Grundlagen des Dramas; sie sind, wie man sieht, ganz kosmopolitisch; urecht afrikanisch war dafür die Natürlichkeit und Ungeniertheit, mit der sich alle, aber auch alle Vorgänge des Lebens auf der Bühne abspielten, ganz echt afrikanisch auch der unerschütterliche Ernst, mit dem das sichtlich aufs äußerste interessierte Publikum dem Fortschreiten der Handlung folgte; kein unzeitiges albernes Lachen, kein vorlauter Zwischenruf.

Bwana Pufesa, der Herr Professor. Nach der Zeichnung eines meiner Soldaten (s. [S. 451]).

Wer noch immer bezweifeln möchte, daß es mit der Ursprünglichkeit und Unberührtheit des Kulturbesitzes unserer Naturvölker rasch und immer rascher zu Ende geht, dem empfehle ich das Folgende zur Beachtung.

Diabolospieler auf dem Makondeplateau.

Es ist wiederum ein fröhlich belebter Nachmittag, Tänze, Gesang und Spiel ringsum. Ich habe alle Hände voll zu tun, plötzlich jedoch wird meine Aufmerksamkeit auf eine Gestalt hingelenkt, die eine besondere Tätigkeit für sich verfolgt. Rhythmisch pendeln die Unterarme aufwärts und abwärts, verlängert um halbmeterlange Holzstäbchen, die durch eine gedrehte Bastschnur miteinander verbunden sind. Plötzlich ein jähes Auseinanderspreizen der Arme in ihrer ganzen Länge, ein Hochstrecken des rechten, ein Seitwärtsspreizen des linken, wie eine Bombe saust ein zunächst noch unerkennbares Etwas aus der Luft herunter, wird geschickt auf der Schnur aufgefangen und läuft wie ein geängstigtes Wiesel zwischen den Stabenden hin und her; gleich darauf ist es wieder in den Lüften verschwunden, kehrt reuig zu seinem Herrn zurück, und so fort.