Ein afrikanisches Diabolo.

„Ei, das mußt du doch schon irgendwo gesehen haben“, fährt es mir durch den Sinn; ich grüble und grüble, endlich habe ich es: das ist ja nichts anderes als das Diabolo, von dem die deutschen Zeitungen erzählen, daß es in England und andern Ländern des Sports so eifrig betrieben werde! Bei uns im langsam, aber sicher nachhinkenden Deutschland war das Spiel bei meiner Abreise noch unbekannt; ich stelle jedoch die Prognose, daß es dort dereinst zu blühen anfangen wird, wenn die andern Nationen es längst zu dem Alten gelegt haben. Jetzt fällt mir auch ein, in einem Laden der Grimmaischen Straße zu Leipzig einmal ein Bild des Spiels gesehen zu haben; vergleiche ich mit diesem Erinnerungsbilde den vom Neger mit so großer Sicherheit geschleuderten Wurfkörper, so muß ich gestehen, der Mann hat das technische Problem ausgezeichnet gelöst: der schmale, scharfe Keilschnitt in dem Zylindermantel der Holzwalze gibt der Schnur vollkommenen Bewegungsraum, ohne das Gewicht des Ganzen wesentlich zu vermindern. So weit hat mein stets reges technisches Interesse mich ernst erhalten, jetzt aber lächle ich doch unwillkürlich; als Träger der höchsten Kultur das neueste Symbol ebendieser Kultur gerade von einem unbeleckten Wilden im entlegenen afrikanischen Busch kennen lernen zu müssen, ist das nicht ein Treppenwitz der Kulturgeschichte!

Wüßte ich nicht, daß der Regen die einzige Ursache für das immer spärlichere Erscheinen der Eingeborenen ist, so hätte ich auch hier allen Anlaß, mich wieder für einen mächtigen Zauberer zu halten; so aber sagen die Leute selbst, daß es nunmehr an der Zeit sei, an ihre Felder zu denken. Ehrlich gestanden, ist die daraus erwachsende Muße mir durchaus nicht unlieb, ich bin wirklich satt, übersatt sogar und habe schon mehrfach an mir beobachtet, daß ich an den fesselndsten Erscheinungen des Volkslebens mit Gleichgültigkeit vorübergegangen bin. Die menschliche Aufnahmefähigkeit ist nun einmal nicht unbegrenzt, und wenn man so viel an neuen Eindrücken auf sich hat einstürmen lassen müssen wie ich, versagt sie schließlich einmal völlig.

Makondefrau im Festgewand.

Nur Ningachi und seine Schule fesseln mich immer wieder von neuem. Unsere Barasa ist auf der Südseite der Boma, von Osten her gerechnet, das zweite Haus. Im ersten hausen angeblich ein paar Baharia, in Wirklichkeit scheint es ein großer Harem zu sein, denn fast ohne Unterlaß hört man ein vielstimmiges Kichern und Schwatzen weiblicher Stimmen; im dritten Haus wohnt Seine Exzellenz der Staatssekretär des Vizekönigs, nämlich der amtlich bestellte Schreiber des Wali. Er ist ein Suaheli aus Daressalam und ein Busenfreund von Moritz obendrein, aber diese Freundschaft mit der Säule meiner ruhelosen Wanderwirtschaft hat es durchaus nicht verhindert, daß ich dem Burschen jüngst die Ohren sehr lang gezogen habe. Keine Nacht hatte ich ordentlich schlafen können, denn von irgendwo, aber ganz nahe, ertönte unausgesetzt ein jämmerliches Kindergeschrei. Bald habe ich es herausgehabt und habe Vater, Mutter und Sohn in meine Sprechstunde zitiert: Vater und Mutter kerngesund und speckfett, das Kind reichlich ein Jahr, ebenfalls kugelrund, doch wund und angefressen infolge ärgster Verwahrlosung von der Zehe bis zum Auge. Und der Mann kann lesen und schreiben, er ist also ein vollwichtiger Vertreter der Kulturwelt im Sinne der Statistik und schaut mit abgrundtiefer Verachtung auf jeden herab, der nicht wie er im weißen Hemd und mit gestickter Mütze einherfaulenzt.

Doch nun das vierte Haus. Verständnislos sehe ich am ersten Tage nach unserer Ankunft um 6½ Uhr morgens eine Schar von sechs bis acht halbwüchsigen Knaben sich vor ihm versammeln. „Die wollen spielen“, denke ich noch so, da treten sie auch schon der Größe nach hintereinander an, ein Erwachsener im weißen Hemd tritt zu ihnen, macht ein Zeichen, und im Gänsemarsch verschwinden alle unter dem niedrigen Strohdach. Unmittelbar darauf erfolgt etwas, was für Afrika an sich nicht gerade merkwürdig ist, mich aber aus mir noch unerklärlichen Gründen veranlaßt, langsam näherzutreten: eine tiefe Solostimme spricht etwas vor, im hohen Diskant antwortet der Chor. Unbewußt bin ich auf wenige Schritte an das Haus herangerückt: „Herrgott, das sind ja deutsche Laute!“ „Und das ist ains“, hebt es gerade von vorne an; „und das ist ains“, ertönt es klar und hell zurück. „Und das ist swai“ — „und das ist swai“; „und das ist drai“ — „und das ist drai.“ Sehr geistvoll mag mein Gesicht in diesem Augenblick sicherlich nicht gewesen sein: die Askari exerzieren deutsch, Lehrer und Jugend sprechen deutsch — wir müssen doch wohl ein tüchtiges Volk von Kolonisatoren sein.

Ich bin an jenem denkwürdigen Morgen aus begreiflicher Diskretion nicht näher herangetreten. Seitdem weiß ich aus vielmorgiger eigener Erfahrung, daß Ningachi sich nicht nur auf die Zahlenreihe allein beschränkt, sondern daß er keck und kühn sogar subtrahiert und addiert. Aber der Eindruck, daß diese Unterrichtsmethode bei Lehrer und Schülern in gleicher Weise die reinste Dressur und Abrichtung ist, hat sich bei mir von Tag zu Tag nur bestärkt. Zunächst liegt Ningachis Zahlengrenze bereits bei der Zahl 31 — Ningachi spricht das wie ein Halberstädter ganz breit ainunddraißig —, sodann aber sind seine Zöglinge sofort in Verlegenheit, sobald sie in der langen Zahlenreihe, die der Herr Lehrer säuberlich an die große Wandtafel geschrieben hat, eine Ziffer außer der Reihe und selbständig heraussuchen sollen. Und nun die Exempel erst! „Swai weniger acht ist sechs“ ist noch ein harmloser Fehler. Ningachi fühlt sich denn auch nicht weniger als behaglich bei diesem Lehrprogramm, aber er habe es in der Regierungsschule von Mikindani einmal so gelernt und müsse nun auch so unterrichten. Es hat den ehrlichen Burschen nur wenig getröstet, als ich ihm sagte, es gebe auch anderswo Dressieranstalten.

Zwei Wamueragelehrte, nach Zeichnung von Pesa mbili (s. [S. 450]).