Mit der Aufnahme des Kimakonde bin ich in geradezu erstaunlich kurzer Zeit fertig geworden. Wie ein Deus ex machina erschien plötzlich die Perle Sefu von Newala; im Bunde mit ihm und Ningachi habe ich mich dann in sieben allerdings sehr strammen Tagewerken davon überzeugen können, daß das Kimakonde sich aufs engste den benachbarten Idiomen anschließt und daß lediglich das Fehlen des „S“ der Anlaß gewesen sein mag, wenn andere Autoren es oftmals als vom Kisuaheli und Kiyao sehr abweichend bezeichnet haben. Dieses Fehlen des S aber, davon bin ich fest überzeugt, hängt aufs innigste mit dem Tragen des Lippenpflocks in der Oberlippe zusammen; jeder von uns hat wohl schon einmal eine dickgeschwollene Lippe gehabt, hat er da irgendwelche Laute der S-Gruppe hervorbringen können? Allerdings setzt diese Theorie voraus, daß dann auch die Männer ursprünglich dieselbe Lippenzier besessen haben müssen. Aber warum soll das nicht der Fall gewesen sein? Die Maviamänner sollen sie ja noch heute tragen; die Mavia aber gelten als die engsten Verwandten der Makonde.
Nur mit dem Kimuera habe ich kein Glück gehabt. Den Plan, in das Gebiet jenes Stammes noch einmal zu längerem Aufenthalt zurückzukehren, habe ich zu keiner Zeit aus den Augen verloren. Jetzt kommt der Wali, es kommen Sefu und andere einsichtige Männer vom Plateau und sagen mir:
„Zu den Wamuera, Herr, kannst du unter keinen Umständen; siehe, diese Leute haben mit den Deutschen Krieg gemacht, sie haben dann während der ganzen Bestellzeit im Busch gesessen und haben nichts säen können; das wenige, was sie verborgen hatten, ist längst aufgegessen, und nun haben sie gar nichts mehr; alle leiden schrecklichen Hunger und viele sterben.“
Ich habe daraufhin die Möglichkeit erwogen, mit hier aufgekauften Vorräten aufs Rondoplateau zu ziehen, doch auch davon hat man mir sehr ernstlich abgeraten; die Leute würden sich in ihrer Verzweiflung auf uns stürzen und um das Getreide mit uns kämpfen. Nun, wenn der Berg nicht zu Mohammed kommt, habe ich mir schließlich gesagt, dann muß Mohammed zum Berge gehen; wenige Tage später erschienen, von ein paar Eilboten geholt, die angeblich gelehrtesten aller Wamuera. Zwei ältere Männer waren es, aber wie sahen sie aus! Zum Skelett abgemagert, ohne eine Spur von Waden oder sonstiger Muskulatur, die Wangen und Augen eingefallen, kurz, die wandelnden Sinnbilder jener furchtbaren Hungersnot. Geduldig haben wir die beiden erst ein wenig aufgefüttert; sie schlangen so erhebliche Quantitäten hinunter, daß ihr Magen wie eine dicke Kegelkugel aus dem Leibe hervorragte; endlich schienen sie „vernehmungsfähig“.
Trotz ihrer gerühmten Weisheit ist aus Machigo und Machunja nicht viel herauszuholen gewesen: ein paar Dutzend Sippennamen, eine längere Reihe einfachster Wortbegriffe, das war alles. Jeder Versuch, Verbalformen oder irgendwelche Geheimnisse der Syntax mit ihrer Hilfe festzulegen, schlug gänzlich fehl. Nicht mangelnde Intelligenz mag die Ursache sein, sondern fehlende Schulung des Geistes; wollte jemand mit Hilfe eines Ochsenknechts den Bau der deutschen Sprache ergründen, ihm würde es nicht anders ergehen als mir. Ohne Groll, im Gegenteil, sogar reich beschenkt, habe ich die beiden Greise nach kurzer Zeit entlassen; im Bewußtsein ihres so unvermutet erworbenen Reichtums sind sie nicht schlecht ausgeschritten, als sie den Weg nach Norden einschlugen.
Makonde-Weiler in der Gegend von Mahuta.
⇒
GRÖSSERES BILD
Mit dem Abmarsch der beiden mageren Kimueraprofessoren bin ich im Grunde genommen auch meine letzte wissenschaftliche Sorge los geworden, und das ist gut so, ich bin wirklich übersatt. Was habe ich auch in den verflossenen Monaten alles geschafft! Die mehr als 1200 photographischen Aufnahmen wird der dieser Kunst Fernstehende kaum rechnen wollen, photographieren ist ja doch ein Vergnügen; nur der Kenner weiß, welch eine Unsumme von Arbeit und Aufregung mit einer solchen Riesenzahl in Wirklichkeit verknüpft ist. Und zudem gerade hier. Auf einige Schwierigkeiten habe ich früher bereits hingewiesen; sie sind im Laufe der Zeit immer größer geworden, denn immer mehr ist die Sonne an unseren Breitenkreis herangerückt, und ganz fabelhafte Lichtmassen sind es, die sie von 8 Uhr vormittags bis 5 Uhr nachmittags vom Firmament herniedersendet. Ich habe über alle Wetter- und Lichtumstände in meinem Negativregister stets ganz genau Buch geführt, aber gleichwohl bin ich von Mißerfolgen nicht verschont geblieben, so schwer beurteilbar ist die Intensität des Tropenlichts. Mit Freude und Genugtuung stellt man abends beim Probeentwickeln fest, daß man heute Glück gehabt hat, alles ist richtig exponiert; am nächsten Tage ist das Wetter genau so, folglich nimmt man dieselben Blenden, dieselbe Expositionszeit; aber siehe da, am Abend zeigt sich alles zu kurz oder zu lang belichtet. Fröhlicher wird man nicht dadurch. Und dann die immer wiederkehrende Sorge um den Hintergrund; Isolarplatten habe ich leider gar nicht mit; zu einem Teil ersetzt diesen Mangel ein ungeheures Persenning, ein Segeltuch, das ich ursprünglich zum Bedecken meiner Lasten während der Nacht mitgenommen habe. Diesem Zweck hat es nie gedient; schon in Massassi haben wir es zwischen zwei lange Bambusstangen geknüpft und auf einer Seite mit ein paar Bahnen Sanda überzogen, und seitdem dient es mir bei allen Aufnahmen unter hohem Sonnenstande als Rückendeckung gegen starkbelichteten Hintergrund. Und wenn es gar nicht anders geht, dann halten meine starken Männer den Rahmen auch einmal schützend über das Objekt, falls es gilt, in senkrechter Mittagssonne etwas ganz Bemerkenswertes auf die Platte zu bannen.
Zu den Platten treten die Phonographenwalzen. Die abnormen Wärmeverhältnisse der tiefer gelegenen Gegenden haben mich mancher guten Gelegenheit zu wertvollen Aufnahmen beraubt, aber das muß man mit philosophischer Würde zu tragen wissen. Ich kann das um so mehr, als ich von meinen fünf Dutzend Walzen trotz jener Übelstände nur noch wenige zur Verfügung habe, und auch für die weiß ich eine wundervolle Verwendung: schon morgen werden sie mit den schönsten Wanyamwesiweisen bedeckt sein. Gefaßt trage ich auch mein Kinoschicksal. In bezug auf diese modernste ethnographische Forschungsmethode bin ich Pionier; ich muß alle Unvollkommenheiten einer erst im Werden begriffenen Industrie ausbaden, desgleichen auch alle Gefahren der Tropen für die Gelatinefilms in Kauf nehmen. Nun stimmt es mich zwar nicht heiter, wenn Ernemann mir aus Dresden schreibt, auch die letzte Filmsendung sei wieder schlecht, doch ärgere ich mich nicht mehr, seitdem jener verhängnisvolle Fall meines 9 × 12-Apparates mir das fürchterliche Fieber eingetragen hat. Durch eigene Probeentwicklung weiß ich zudem, daß von meinen 38 kinematographischen Aufnahmen immerhin noch gegen zwei Drittel brauchbar oder sogar gut ausgefallen sein muß; das ist für den Anfang gerade genügend. Mehr als 20 solcher unvergänglichen Dokumente eines rasch verschwindenden Volkslebens — ich gratuliere mir selbst.