Indes mein Hauptstolz gründet sich auf die Fülle und noch mehr auf den Inhalt meiner ethnologischen Aufzeichnungen. Als Fremder im Lande und in einer so kurzen Zeit habe ich selbstverständlich bei weitem nicht alle Gebiete des Eingeborenenlebens ins Auge zu fassen vermocht, doch habe ich ihrer eine ganze Reihe zum Gegenstand eines eindringlichen Studiums gemacht. Und dann mein guter Stern in bezug auf das Unyago; die Aufhellung dieser Mysterien allein hätte die Reise vollauf gelohnt.

Auch meine soziologischen Ergebnisse gereichen mir selbst zu hoher Freude; für unsere Kenntnis des ostafrikanischen Negers werden sie gleichzeitig ein sicherlich nicht ganz wertloser Beitrag sein.

Zum Schluß die ethnographische Sammlung. Im Kongobecken und in Westafrika hätte ich in einer gleich langen Expedition ohne jede Schwierigkeit vermutlich eine kleine Schiffsladung zusammenzutragen vermocht, hier im Osten stellt eine Sammlung von noch nicht 2000 Nummern bereits den Inbegriff des Kulturbesitzes einer ganzen Völkerprovinz dar. Freilich, die Stückzahl hätte sich mühelos noch vergrößern lassen, die Zahl der Besitzkategorien kaum, so gründlich habe ich die Negerdörfer abgesucht und die einzelnen Hütten durchstöbert; der Ostafrikaner ist nun einmal ein armer Mann.

Doch was frommt das Grübeln über Erreichtes und Unerreichbares! Siehe, wie schön die Sonne lacht, wie frisch der nahe Wald nach dem Regen grünt und wie malerisch die Gruppe jener Askari sich dort von der Palisadenwand abhebt!

„Wie, das sind Askari, deutsche Krieger, diese Gestalten mit dem schlecht gewundenen Turban um das Haupt und dem lächerlichen Nachthemd am Leib?“

Askari in Interim.

Auch ich habe mich höchlich über die Metamorphose gewundert, die unser schwarzer Krieger im Laufe des Tages mit sich vornimmt. Auf dem Exerzierplatz schneidig und stramm — dem Neger ist der Drill ein Spiel, er nennt ihn ganz wie wir „Soldatenspielen“ —, ist er am Nachmittag das gerade Gegenteil, wenigstens nach unseren deutschen Begriffen. O, macht er sich’s da bequem! Zweierlei Tuch zieht auch in Afrika; wohin es kommt, da stehen seinem Träger sofort die besten Bettstellen zur Verfügung. Auf ihnen räkelt sich der brave Lumbwula stundenlang herum, daß die Kitanda nur so kracht; kein Glied rührt der Faule; er hat es auch nicht nötig, denn sein Boy sorgt für ihn, wie er es sich gar nicht besser wünschen kann; sogar das Gewehr nimmt er dem müden Herrn aus der Hand, wenn Hemedi Marangas klares Organ endlich, endlich das langersehnte Kommando: „Wegtreten!“ herausgeschmettert hat. Doch nun will es Abend werden, da wird es Zeit, sich den Schönen des Landes zu zeigen. So hübsch wie in Lindi sind die Mädchen nicht, die weißen Holzstücke in der Lippe sind gar nicht so nett wie das zierliche Chipini im Näschen seiner Valide daheim; aber was tut’s: „Andere Städtchen, andere Mädchen.“ Merkwürdig rasch ist die Toilette vollendet; der Turban sitzt freilich nicht so, wie es der Würde seines Herrn entspricht, aber Hassani, der Boy, ist noch gar zu ungeschickt. Es schadet auch weiter nichts, das Kansu macht alles wieder wett; ganz neu ist es noch und auch ganz anders als die Gewänder der albernen Suaheli; deren Hemd ist zwar bestickt, aber ist auch nur eins von ihnen mit einem so schön verlängerten Hinterteil versehen wie seines? Und nun drüben der Nubier Achmed Mohammed gar: er hat nicht einmal ein Beinkleid; sein Hemd ist hinten auch hübsch lang, aber es muß schmutzig und zerrissen sein, denn der Mann trägt sogar beim Spazierengehen seine Khakijacke. Na, überhaupt diese Nubier; sie sind doch ganz andere Menschen als wir Wakhutu, immer ernst und gar nicht so vergnügt.

Meine Entlastung von allen Sorgen und Nöten der Arbeit tut physiologisch wahre Wunder: wie ein Bär schlafe ich in meinem Bett, schlage bei Tisch eine gewaltige Klinge und nehme an Umfang von Tag zu Tag fast merkbar zu. Es geht uns auch seit einiger Zeit wieder gut; der ersten Porterkiste ist eine zweite gefolgt, und mit ihr sind auch noch andere Herrlichkeiten aus Lindi heraufgekommen: echte, unverfälschte Milch aus dem gesegneten Lande Mecklenburg, frischer Pumpernickel, Kartoffeln neuester Ernte aus Britisch-Ostafrika, Fleisch und Fruchtkonserven in Fülle. Ei, da lebt es sich bene, vergessen sind die mageren Wochen von Newala, in nebelgrauer Ferne verschwindet das nicht viel üppigere Chingulungulu. Und nun gar die Abende! Ein gütiges Geschick will es, daß ich wohl noch Platten, aber keinen Entwickler und kein Fixiersalz mehr habe. So kann ich noch nach Herzenslust photographieren, bin aber des grausamen Entwicklungsprozesses im Zelt überhoben. Omari hat zum abendlichen Tisch ein nach neuer Methode geröstetes Huhn geliefert; es nimmt sich auf der Schüssel kurios aus; ganz breit auseinandergebogen liegen die beiden Körperhälften da, aber sie duften kräftig, sehen knusprig aus und schmecken prächtig. Es ist der Urröstprozeß der werdenden Menschheit, den der Mann aus Bondei hier aufgefrischt hat: ein einfaches Halten des Fleisches über das Feuer, bis es dem Gaumen genießbar erscheint. Nur eine einzige Neuerung hat das alte Verfahren über sich ergehen lassen müssen: Omari hat den Tierleib erst mit Salz und Pfeffer eingerieben; das ist kulturgeschichtlich nicht stilgerecht, doch die Freveltat soll dem Koch verziehen werden, denn diese Zutat verleiht dem Braten erst die rechte Würze.

Und nun kommen auch sie heran, die Herren Träger; alle Mann hoch quellen sie aus ihrem Unterschlupf hervor, den sie unter dem weitausladenden Strohdach eines der Bomahäuser gefunden haben. Reingewaschen sind ihre Kleider, und freudig strahlen die braunen Gesichter, denn sie wissen, daß es in den nächsten Tagen schon auf Safari geht, diesmal endlich der Küste zu, auf die sie sich schon so lange gefreut. Sie werden aber auch unfaßbar viel Geld bekommen dort in Lindi. Oft sind sie dem Bwana kubwa ganz böse gewesen, weil er ihnen gar keinen Vorschuß geben wollte, und es wäre doch so nett gewesen, wenn man dem hübschen Mädchen dort im Nachbardorfe einmal hätte etwas schenken können. Sie hat den Wunsch sogar direkt ausgesprochen, aber der Bwana Pufesa hat stets gesagt: „Nenda sako, scher dich deiner Wege“, wenn man bei ihm borgen wollte. Das ist hart von ihm gewesen, aber jetzt ist es doch gut, denn nun bekommen wir ja das viele Geld auf einmal ausgezahlt; mehr als 40 Rupien müssen es sein. Wird das eine Lust geben da unten in Lindi! Und dann in Daressalam erst! Und zum Inder werden wir gehen und eine Weste werden wir uns kaufen, schöner als sie selbst die Suaheli tragen, diese Affen!