Von dem leuchtenden Abendrot, das mir in Mahuta jeden Abend verschönt hat, steht nur noch ein schwachleuchtender Schimmer am westlichen Horizont; dafür ist hinter jenem breitästigen Baum, unter dem ich das halbe Makondeplateau im Laufe der Wochen auf meine Platten gebannt habe, in wunderbarer Leuchtkraft der Vollmond emporgestiegen. Sein Antlitz schaut mit behäbigem Lächeln auf eine seltsame Gruppe herab: im bequemen Liegestuhl streckt sich das gelbröckige Blaßgesicht; es muß anderen Glaubens sein als sonst die Leute in diesem Erdteil hier, denn mächtige Rauchwolken sendet es als Opfer zu Mulungu, dem Schöpfer alles Irdischen, hinauf. Auch sein Pombeopfer ist anders geartet als das der schwarzen Leute; zwar hat auch er einen großen Krug dort stehen, doch nicht in den hinein schüttet er den braunen Trank, sondern immer in den eigenen Mund. Und auch sonst ist er nicht wie die Afrikaner; er scheint stumm, den ganzen langen Abend hindurch hat er noch nicht ein Wort gesprochen. Dafür ist das Kelele, das Geschrei der schwarzen Leute um ihn herum, um so größer und lauter. Warum er das bloß duldet, der weiße Mann? Warum schickt er die lästigen Gesellen nicht weg? Aber vielleicht hat er auch darüber seine besonderen Ansichten und nennt dieses Geschrei sogar Musik? So sind sie nun einmal, diese Weißen! Diese merkwürdigen Geschöpfe begreife überhaupt wer kann. Ihr Land liegt weit weg von hier, dort, wo die Strahlen des Mondes schon ganz schräg auf die Erde treffen. Kalt ist es dort und unbehaglich; manchmal ist die Erde sogar ganz weiß. Dennoch muß man staunen, warum ihrer so viele gerade hier zu den albernen Schwarzen kommen. Blieben sie doch daheim bei ihren Lieben!
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Mit den tiefen Tönen, wie sie den Wanyamwesi eigen sind, dringt das Lied in das Ohr des Europäers. Es stellt einen wundervollen Beitrag zu dem Kapitel: Rhythmus und Arbeit dar. Wie oft haben es meine Leute schon in Newala, bei Madyaliwa und hier in Mahuta gesungen, stets aber war der Rhythmus des Gesanges begleitet von ebenso rhythmischen Körperbewegungen. Ein Hacklied ist es. Zieht der Muyamwesi mit seinem Universalinstrument, der Hacke, aufs Feld, dann ist er gerüstet mit einem ganzen Arsenal solcher Lieder; taktmäßig hebt und senkt sich der Oberkörper, knirschend fährt das breite Eisen durch den Boden dahin, weich und harmonisch klingt über die weite Ebene das Arbeitslied. In diesem Augenblick, wo die Leute malerisch um mich gruppiert kauern, enthalten sie sich dieser Hackbewegung zugunsten eines mit großer Verve geübten Schnalzens mit den Fingern.
Die Melodie ist ansprechend und einschmeichelnd; in seinen Träumen der rauhen Natur Afrikas weit entrückt, blickt der fremde Mann sinnend in den Nachthimmel hinauf. Im Drang der arbeitsschweren Zeit, die nunmehr hinter ihm liegt, hat er kaum Zeit gefunden, an das alte Uleia und seine Kultur zurückzudenken; jetzt, wo des Vorsängers Pesa mbili klarer Bariton periodisch mit dem machtvollen Chor wechselt, da ziehen ihm in bunter Reihe die Kulturbilder gleicher Art von daheim durch den Sinn: wie des Grobschmieds nervige Faust am Amboß den Rhythmus sucht, um beim Schwingen des wuchtigen Hammers nicht allzu rasch zu ermüden. Aus ferner Jugendzeit, wo die garbenfressende Dreschmaschine noch nicht zur Errungenschaft des kleinen Landwirts zählte, hört er von des Nachbars Tenne her den Drei- und Viertakt der Drescher. Ping ping ping, ping ping ping, zum Greifen nah hat er es vor sich, das typische Bild der Großstadtstraße; die Zigarre im Munde, sind die Herren Pflasterer mitten im Strome des Verkehrs aufmarschiert. Das heißt, dieses halbe Dutzend Männer hat mit dem Setzen des Steines selbst nichts zu tun, sie sind die Elite, die mit der schweren Handramme in kunstgerechtem Stoß und Schlag Stein für Stein im einzelnen und dann auch noch das Ganze, nur roh Vorgearbeitete, nachfeilen müssen. Ping ping ping, ping ping ping, bald anschwellend zum gewaltigen Forte, dann wieder herabsinkend bis zum feinen Tone des silbernen Glöckchens, mischen sich die Töne in den Straßenlärm hinein. Mit Riesenkraft hat der Hüne dort das Eisen soeben auf einen neu in Angriff genommenen Stein herunterkrachen lassen, kaum zentimeterhoch hebt und senkt sein Nachbar das Werkzeug; und alles geschieht im strengsten Takt: Ping ping ping, ping ping ping. Das ist es ja eben: dieser Takt ist der Ausfluß eines Naturbedürfnisses im Menschen, er ist der Vorläufer, ja die Vorbedingung jeder körperlichen Dauerarbeit überhaupt. Das empfinden auch wir Träger einer alten Kultur noch immer: ganz einerlei, ob wir im Trupp dahinmarschieren; ob das Einsetzen der Regimentskapelle die Beine der müden Soldaten zu neuem, frischem Ausschreiten elektrisiert; ob wir gemeinsam eine schwere Last von ihrem Standort zu bewegen suchen, Takt und Rhythmus begleiten und beleben uns in allen Lebenslagen. Und nun der Naturmensch erst! Ich glaube, der Neger kann nicht das Geringste ausführen, ohne seine Arbeit mit einem schnell improvisierten Liede zu begleiten; selbst die schwerstgefesselten Kettengefangenen der Küste schieben ihre Karre oder ziehen den Wagen unter stetem Wechselgesang. So ist denn auch das Hacken des Feldes eigentlich mehr ein Spiel, zu dem der Körper ganz von selbst in die rhythmische Bewegung des Tanzens verfällt; kein Tanz aber ohne Lied.
Mit einem langgezogenen „Kweli, es ist wahr“, ist das Lied soeben ausgeklungen. Die Wanyamwesi haben Ausdauer, auf dem Marsch wie beim Singen, und so hat auch dieser Wechselsang eine geraume Zeit gefüllt. Der Weiße regt sich; er greift zum neuen Rauchkraut, aus dem Chor der Schwarzen aber erklingt im gleichen Augenblick das unverkennbare Organ des unermüdlichen Pesa mbili; gleich darauf fällt mit sonorem Ton der Chor der anderen ein. Es ist mein Lieblingslied, das jetzt in die schweigende Nacht und den leise rauschenden Makondebusch hinaus erklingt; es muß wohl etwas Gutes sein, denn selbst der alte Herr dort oben, der höher und immer höher geklommen ist auf seiner Bahn, schmunzelt mit unverkennbarem Behagen auf die malerische Gruppe herunter. Aus deren Mitte erschallt es jetzt, erst leise, dann in vollem Chor wie folgt:
Kulya mapunda.