Ob sich das deutsche Volk nur für einen dieser beiden Wege entscheiden, oder ob es, wie bisher, beide auch weiterhin beibehalten wird, muß die Zukunft lehren. Für das Mutterland sind beide Methoden gleich viel oder gleich wenig wert, je nach der Intensität unserer gesamten kolonialen Betätigung; dem Neger würde allerdings die zweite mehr bringen. Als Plantagenarbeiter ist und bleibt er „Schensi“; als freier Besitzer seiner Scholle ist er entwicklungsfähig. Freilich muß man den Punkt dabei im Auge behalten, daß wir Kolonien gegründet haben in der Erwartung, für unseren rasch wachsenden Bevölkerungsüberfluß Auswanderungsgebiete zu bekommen; beansprucht der Neger die fruchtbarsten Teile seiner Heimat selbst, so ist es mit jenem ver sacrum nichts.

Von der durch uns einzuschlagenden Gesamtrichtung hängt es ebenfalls ab, ob wir an der physischen Verbesserung des Negers und seinem numerischen Anwachsen ein Interesse haben oder nicht. Unter dem Hauch der Zivilisation konnte das eine oder andere Naturvolk ganz oder nahezu dahinschwinden; die Tasmanier gehören der Geschichte an; die Maori von Neuseeland und die Kanaken von Hawaii nehmen an Zahl rasch ab; man spricht von den letzten Wedda auf Ceylon. Zu diesen Todeskandidaten gehört die Negerrasse nicht; im Gegenteil, wo immer sie mit den Weißen in Berührung getreten ist, erstarkt sie in jeder Beziehung; ihr Aussterben brauchen wir also nicht zu befürchten. Doch sollen wir ihren Vermehrungskoeffizienten durch künstliche Zuchtwahl noch zielbewußt heraufsetzen? Freilich sollen wir das, denn eine zahlreiche eingesessene Bevölkerung ist uns unter allen Umständen nutzbringend und dienlich; den Pflanzer befreit sie von der ewigen Arbeiternot, für den europäischen Fabrikanten aber und den Kaufmann ist eine große Kundschaft zweifellos angenehmer als eine kleine. Wie diese Verbesserung in die Wege zu leiten sein wird, darüber habe ich mich bereits früher ([Seite 346 ff.]), angesichts der vielfachen Krankheiten und Plagen des Erdteils, erschöpfend ausgesprochen; ich habe nichts weiter hinzuzufügen.

In Europa gibt es dumme, mäßig begabte und ganz kluge Menschen; in Afrika ist es nicht anders. Wohl konnte gerade die ungeheure Lippenzier der Frauen da unten zuweilen den Eindruck hervorrufen, als hätte man es mit dem vielgesuchten Bindeglied zwischen Affe und Mensch, dem missing link der Deszendenzler, zu tun; auch manches Negerbübchen konnte zu deszendenz-theoretischen Vergleichen anreizen. Damit war indessen auch die Veranlassung, hochnäsig von oben herab zu schauen, zu Ende. In meinem während einer ganzen Reihe von Monaten durchgeführten Zusammenleben mit den Völkern des Rovumagebietes habe ich den Eindruck der Albernheit, den wir mit dem Neger gar zu gern verbinden möchten, niemals entdeckt; im Gegenteil, man konnte das Benehmen, mit dem nicht nur die würdigen Alten, sondern auch die feurigen Jungen mit uns beiden Europäern verkehrten, mit Fug und Recht als wohltuende Gesetztheit bezeichnen. Europäische Volkskreise von gleicher sozialer Stellung hätten sich ein Beispiel daran nehmen können. Auf Grund dieser guten persönlichen Erfahrungen glaube ich auch nicht an das Dogma des Mangels jeder Entwicklungsfähigkeit beim Neger; eine geistige Entwicklung ist ihm nicht einmal in Nordamerika abzusprechen, trotzdem die Hindernisse dort sicherlich größer sind als die Entwicklungsmöglichkeiten; warum sollte er also nicht auf die aufsteigende Bahn gelangen, sobald wir ihm die Gelegenheit dazu in richtiger Weise bieten? Nur nicht von heute zu morgen sollen wir das verlangen, das geht wider alle biologischen Entwicklungsgesetze; ganz ebenso wie die Erwartung einer wirtschaftlichen Blüte von heute zu morgen gegen jede geschichtliche Gesetzmäßigkeit verstößt. —

Es ist längst Nacht geworden; der „König“ muß den Kurs gewechselt haben, denn der Sturm faßt uns nicht mehr von vorn, sondern stark backbords; sicherlich geht es jetzt auf Kreta zu; morgen oder übermorgen werden wir an Griechenland vorüberfahren. Ich freue mich, offen gestanden, auf den Anblick des Landes, dessen antike Bevölkerung ich nicht so maß- und kritiklos verhimmele wie so viele Männer bei uns daheim, denen der alte Grieche die Verkörperung aller geschichtlichen und kulturellen Tugenden ist. Nur eins wird den alten Hellenen auch der Neid lassen müssen: kolonialen Unternehmungsmut haben sie in einem Ausmaß besessen, daß sie uns in dieser Beziehung für unsere ganze Zukunft als Vorbild dienen können.

Über dieser Zukunft liegt ein dichter Schleier. Wird uns Deutsch-Ostafrika ein zweites Indien werden? Nicht einen Augenblick bezweifele ich das; mein Auge sieht das weite Land durchzogen von Schienensträngen. Der eine folgt der alten, großen Karawanenstraße von der Küste bis zum Tanganyika. Den alten Trägerverkehr hat das schnaubende Dampfroß lahmgelegt; dafür beherbergt der ratternde Zug jetzt die früheren Träger selbst, außerdem Massengüter, denen bei der alten Art des Karawanenhandels der Weltmarkt verschlossen war. Zum Victoria-Nyansa läuft ein Schienenstrang und auch zum entlegenen Nyassa; wir gewinnen Anschluß an das britische Netz Südafrikas, an die Fahrstraßen des Kongostaates, an das Niltal. Vor dreißig Jahren noch war Stanleys Marsch zum Seengebiet und die Fahrt den Kongo hinab eine entdeckerische Großtat: wir Leute von heute fahren vielleicht noch mit dem Luxuszuge vom Kap bis Kairo, von Daressalam bis Kamerun.

Register.


Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.