Eins dürfen wir allerdings nicht vergessen: ein Schlaraffenland ist weder der Süden, noch Afrika überhaupt; niemand fliegen die gebratenen Tauben in den offenen Mund; Arbeit und immer wieder Arbeit ist vielmehr hier die Devise genau wie in minder glücklichen Klimaten auch. Gerade bei den Makonde, den Yao und den Makua haben wir genugsam Gelegenheit gehabt, diesen unausgesetzten Fleiß kennen und würdigen zu lernen. Des können wir jedenfalls sicher sein: viel bequemer wird es auch der europäische Pflanzer nicht haben, weder im Süden, noch im Norden, weder an der Küste, noch im Innern. Das schadet aber auch gar nicht; aus Müßiggängern sind noch niemals starke, lebensfähige Völker erstanden, auch in Kolonien nicht; im Gegenteil, je stärker die Anspannung und der Kampf um das Dasein gewesen ist, um so kraftvoller ist die Entwicklung auch aller Tochtervölker im Laufe der ganzen menschlichen Kolonialgeschichte gewesen. Die heutigen Vereinigten Staaten sind der klassische Beleg für diese Behauptung; die in der besten Entwicklung befindlichen Kolonien Südafrikas reden eine nicht minder deutliche Sprache. Andere Belege würde man mit Leichtigkeit zusammenstellen können.
Draußen gehen die Wogen immer höher; der „König“ ist mehr breit als hoch; er geht ganz ruhig, doch muß er es sich gefallen lassen, die Wasser des Mittelmeeres mehr, als ihm lieb ist, über sein Deck fegen zu sehen. Habe ich bei dem grandiosen Schauspiel wirklich die Pflicht, mich in unfruchtbare koloniale Ausblicke zu vertiefen? Der Ausspruch meines Freundes Hiram Rhodes von den „politischen Kindern“ war freilich mehr als hart, doch ein klein wenig Berechtigung hat er gleichwohl, auch über den Sansibarvertrag hinaus. Wir Deutschen sind 300 Jahre nach den anderen Völkern auf die koloniale Schaubühne getreten; trotzdem eifern Hinz und Kunz bei uns darüber, daß unsere vor ganzen 20 Jahren erworbenen Kolonien noch keine Überschüsse abwerfen; am liebsten möchten die braven Banausen, daß ihnen „Südwest“ womöglich ihre sämtlichen Steuern aufbrächte. Man könnte sich das Haupthaar raufen ob solcher Torheit und solchem Mangel an geschichtlichem Gefühl. In Deutschland werden die meisten Bücher gedruckt, keine gekauft und nur wenige gelesen. Unter diesen letzteren können kolonialgeschichtliche Werke kaum vertreten sein, sonst wäre es nicht möglich, daß selbst koloniale Fachkreise so wenig über jene tausend Kämpfe, Widerwärtigkeiten und Rückschläge unterrichtet sind, auf welche die Engländer in Indien, in der Südsee, in Afrika und Amerika mit wehmütigen Gefühlen zurückzuschauen Veranlassung haben, und welche den Niederländern, den Spaniern und den Portugiesen ihren ausgedehnten Kolonialbesitz sooft bis zum Überdruß hätten verleiden können. Uns schwebt unbewußt immer der Reichtum Englands und die Wohlhabenheit Hollands vor, die ja allerdings beide zum großen Teil auf dem Kolonialbesitz beruhen; dabei vergessen wir stets, daß drei Jahrhunderte ein fünfzehnmal längerer Zeitraum sind als unsere koloniale Ära, und daß bei beiden Völkern nicht weniger als zehn Generationen in harter, mühseliger, unausgesetzter Arbeit haben erringen und erkämpfen müssen, was uns Emporkömmlingen von gestern nach unserer Meinung mühelos in den Schoß fallen soll. Das ist ein Mangel an historischem Gefühl, auf den man gar nicht kräftig genug hinweisen kann; ich bin der festen Überzeugung, daß eine objektive Würdigung unseres schönen, großen Kolonialbesitzes auch erst dann Platz greifen kann, wenn wir diesem Mangel, der bei dem Volke der Denker doppelt unangenehm auffällt, durch einen besseren Unterricht abgeholfen haben werden.
Ein unfehlbares Mittel zur Gewinnung jenes historischen Sinnes ist das Hineinstecken von zwei Arten von Kapital in die Kolonien; das eine Kapital besteht in dem Menschenblut, das für ihre Erhaltung und Entwicklung vergossen wird, das andere in dem baren Gelde, das man für ihre Erschließung und Nutzbarmachung in ihnen selbst anlegt. Um die Größe des englischen Kolonialreiches und seine Verteilung über die ganze Oikumene zu veranschaulichen, wird häufig darauf hingewiesen, daß das Mutterland zu keinem Zeitpunkt ohne irgendeinen mehr oder weniger belangreichen Kolonialkrieg sei. Das stimmt für die Gegenwart; es hat jedoch auch seine Richtigkeit für die Vergangenheit; England hat in der Tat jederzeit um seinen auswärtigen Besitz zu ringen gehabt. Unzweifelhaft ist dieser dreihundertjährige Kampf um Haben und Nichthaben, der, auf spezifisch englische Verhältnisse übertragen, oft auch ein Kampf um Sein und Nichtsein gewesen ist, der Hauptgrund für das innige Zusammenleben der ganzen großen Familie von Mutterland und Tochterstaaten. Es hat wohl ein jeder einen Lieben da draußen in indischer oder in afrikanischer Erde liegen; das schafft zunächst eine schmerzliche Anteilnahme an jenem Lande; aus dieser aber entsprießen sehr bald auch anders geartete Interessen.
Die Richtigkeit dieser Lehre hat uns der blutige Krieg in Deutsch-Südwestafrika in ach so schmerzlicher Weise nur zu deutlich bewiesen. Der großen Masse bei uns war jenes Land, sofern sie überhaupt nur von ihm wußte, bestenfalls des neuen Deutschen Reiches Streusandbüchse; heute schlafen in seinem harten Boden ein paar tausend Söhne — und nicht die schlechtesten — den ewigen Schlaf; von ihnen ist der eine aus dem Palast, der andere aus der Hütte hinausgezogen an den Waterberg und in die Omaheke. Ist es da verwunderlich, daß jenes Land dem Volk seitdem ans Herz gewachsen ist? Wir möchten’s nicht missen, schon weil unsere Söhne und Brüder dort ausruhen von dem harten, schweren Kampf, der in der Reihe unserer größeren Kolonialkriege der erste gewesen ist, der aber vermutlich nicht der letzte sein dürfte. Das hat die Geschichte aller bisherigen Kolonialunternehmungen gelehrt.
Von dem anderen Kapital, den materiellen Werten, kann man bei unseren Kolonien nicht sprechen, ohne gleichzeitig die Bahnfrage zu berühren. Was ist geklagt worden über die unbesiegbare Zurückhaltung unseres deutschen Großkapitals den Kolonien gegenüber! Ich gehöre leider nicht zu der beneidenswerten Klasse glücksgütergesegneter Sterblicher; doch selbst wenn ich eine Million zu verlieren hätte, so würde ich mich doch noch sehr besinnen, sie in ein Land zu stecken, das durch keinerlei Verkehrswege erschlossen ist, durch natürliche überhaupt nicht, durch künstliche einstweilen nur mangelhaft. In der Heimat blickt man jetzt mit großen Erwartungen auf den neuen Lenker unseres kolonialen Karrens; Herr Dernburg ist ja Finanzmann; vielleicht erreicht er, was anderen vor ihm stets noch fehlgeschlagen ist: den Ausbau des längst geplanten großen Bahnsystems und den Zufluß der nicht minder nötigen großen Geldmittel.
Nicht ohne Bedeutung für die Zukunft Deutsch-Ostafrikas ist schließlich der Eingeborene; über ihn kann ich als Ethnograph auch wesentlich sicherer urteilen als über die anderen Fragen, zu denen unsereiner doch nur auf Grund seines gesunden Menschenverstandes Stellung zu nehmen befugt ist. Ein „unerzogenes Kind“ lautet das Urteil über den schwarzen Mann auf der einen Seite; ein „ausgefeimter Galgenstrick und unverbesserlicher Faulpelz“ auf der andern. Es gibt noch eine dritte Partei, die dem Ostafrikaner wenigstens eine oder ein paar ganz kleine Tugenden belassen will, doch diese wird niedergeschrien. „Kasi“ heißt im Suaheli die Arbeit; in der „Lustigen Ecke“ der „Deutsch-Ostafrikanischen Zeitung“ fand ich das Wort neulich anders übersetzt, da verdeutschte es der Suaheli mit dem Begriff „Gemeinheit“. Diese Auffassung vom schwarzen Mann ist an der Küste tatsächlich herrschend; nicht ganz mit Unrecht, wie man billig zugeben muß; der Stadtbevölkerung dort ist ernsthafte Arbeit wirklich ein Greuel und eine Gemeinheit.
Von dem ganzen großen übrigen Teil der Bevölkerung Deutsch-Ostafrikas glaube ich besser denken zu dürfen. Die zahlreichste Völkerschaft der ganzen Kolonie sind die Wanyamwesi; mit schätzungsweise vier Millionen Seelen füllen sie den ganzen zentralen Teil östlich des großen zentralafrikanischen Grabens. An ihrem Fleiß und an ihrer Kulturfähigkeit zu zweifeln hat bisher noch niemand gewagt; sie sind ausgezeichnete Feldbauer, gleichzeitig haben sie ein Jahrhundert hindurch den gesamten Karawanenhandel von der Ostküste bis zum Herzen des Erdteils aufrecht erhalten. In absehbarer Zeit wird dieser Trägerverkehr unwiederbringlich zu Ende gehen; wird jenes Volk damit überflüssig werden? Wirf, o Deutscher, einen Blick auf die Abschlußberichte der Ugandabahn und begreife sodann, welch wirtschaftsfrohes Element gerade du mit jenem starken Volke zu besitzen das Glück hast; sei allerdings dann auch klug und weise genug, die andere Folgerung zu ziehen, diese wirtschaftliche Tüchtigkeit für das eigene Volkstum zu fördern, weiter zu entwickeln und vor allem für dich selbst auszunutzen. Wir haben wahrlich keine Veranlassung, den Säckel eines Volkes zu füllen, das mit uns im schärfsten ökonomischen Wettkampf liegt.
Was den Wanyamwesi recht ist, ist der Mehrzahl der anderen Völkerschaften billig; auch jetzt noch, auf schwankem Schiff im Sturmestoben, komme ich nicht über den hohen Stand der Feldkultur hinweg, den ich bei meinen Freunden da unten am Rovuma als Norm vorgefunden habe. Völker, die bei aller Beweglichkeit so an der Scholle kleben, müssen unbedingt einen tüchtigen Kern in sich haben; all unsere Lehren der Völkerpsychologie und der Völkergeschichte würden sonst zuschanden werden. Erklären läßt sich diese unerwartet hohe Kulturstufe lediglich durch eine unmeßbar lange Dauer ihrer Entwicklung. Gegen das hohe Alter des Ackerbaues beim Neger spricht nichts; er ist konservativ, wie auch sein Erdteil konservativ ist; die paar fremden Elemente, die wir heute noch mit der Wirtschaftsform des Sammlers und Jägers behaftet finden, den Buschmann in den unfruchtbarsten Teilen des Südens, und den Pygmäen in den unzugänglichsten Teilen des zentral- und westafrikanischen Urwaldes, werden vermutlich schon vor sehr, sehr langer Zeit durch die ackerbauenden Bantu abgedrängt worden sein.
Die Feldbauform unseres Negers ist der Hackbau; dieser führt seinen Namen mit Recht nach der quergestellten schweren Hacke, mit der der schwarze Landmann den Boden seines Feldes kultiviert, lockert und reinigt, mit der er die Aussaat besorgt und zum großen Teil auch die Ernte, die, mit einem Wort, sein Universalinstrument ist. Wir sind nur zu sehr geneigt, in dieser Wirtschaftsform etwas Minderwertiges, Urwüchsiges zu erblicken. Insofern als der Hackbau keines Haustieres bedarf, weder zum Ziehen des Pfluges, der Egge, der Walze und des Erntewagens, noch zum Zweck der Dunglieferung, ist er wirklich rückständig; andererseits ist zu bedenken, daß große Teile unserer Kolonien Herde der Tsetsefliege sind, sodann, daß die mit dem Hackbau verbundene Beetkultur in Wirklichkeit eine sehr hohe Wirtschaftsstufe bezeichnet. Der beste Beleg dafür ist die Beibehaltung des schmalen Beetes auch in unserem Hausgarten, den wir im Range unmöglich hinter unseren Feldbau stellen können. Bezeichnenderweise nimmt der Feldbau, wo immer er zu der intensivsten Stufe unserer Agrikultur, zur Blumenzucht wie bei Erfurt, Quedlinburg, Haarlem usw., oder zur Gemüsekultur wie bei Braunschweig, Mainz, Hannover, ferner bei allen Großstädten, übergeht, sofort die Form des Beetes an. Zudem wüßte ich nicht, wie anders der Neger z. B. bei unserer breiten, unzugänglichen Feldform der Hauptgefahr seiner Pflanzung, dem Unkraut, beikommen wollte; sein schmales Beet gestattet ihm den Zugang von allen Seiten.
An die Form des negroiden Feldbaues wollen wir also nicht rühren; sie ist alterprobt und gut. Eine andere Frage ist es: wie machen wir unseren schwarzen Landsmann auf dieser Basis für uns nutzbar? Meines Erachtens gibt es da zwei Wege, die beide gleichviel für sich wie gegen sich haben; beide sind bereits seit längerer Zeit beschritten, so daß sich die Möglichkeit ergibt, die schließliche Entwicklung der ganzen Kolonie sehr wohl vorauszusehen. Der eine Weg führt direkt zur Plantagenkolonie. Dies geschieht in der Weise, daß man den Schwarzen in Haus und Hof nicht weiter fördert, sondern ihn zum Arbeiter auf den Pflanzungen der weißen Herren erzieht, die sich überall dort anbauen, wo geeigneter Boden und erträgliches Klima eine gute Kapitalsanlage versprechen. Die andere Methode hat den Neger und seine Entwicklung selbst im Auge; sie will seine eigene wirtschaftliche Produktionsfähigkeit nach Mannigfaltigkeit und Güte der Erzeugnisse vergrößern, ihm selbst dabei gleichzeitig größere Bedürfnisse anerziehen und ihn dergestalt auch kaufkräftiger machen. Für seinen Export soll er den unsrigen eintauschen.