Daressalam habe ich am 20. Dezember an Bord des „Admiral“ verlassen. Es ist ein herrliches, fast ganz neues Schiff, das noch weit ruhiger fährt als der „Prinzregent“. Auch sein Komfort ist noch größer; kein Wunder, wenn die Kabinen vollzählig besetzt waren. Es war jetzt noch mehr Old England an Bord als im Frühjahr, viel Kapstadt und noch mehr Witwatersrand; demgemäß herrschte auch ein erheblicher Toilettenluxus. Diesmal habe ich auch Tanga genießen können und sogar ein Stück Usambarabahn. Der umsichtige Kapitän Doherr hatte, wohl noch in Erinnerung an seine Managerdienste, die er erst vor wenigen Monaten den acht Reichstagsabgeordneten hatte widmen dürfen, einen Extrazug für die Schiffsgesellschaft oder doch für jeden, der sich beteiligen wollte, bereitstellen lassen, und mit dem „Zügle“ sind wir ins Innere bis Muhesa gefahren, bis riesige Schüsseln mit Sandwiches und große Servierbretter mit viel Whisky und Soda der Expedition ein rasches Halt geboten. Es geschieht wirklich etwas hier im Nordosten der Kolonie, das sieht man auch von den Abteilfenstern aus; zwar steht noch nicht alles Land unter Kultur, doch ist bereits jedes Stückchen in festen Händen, sogar weit über den Endpunkt des „Bähnle“ hinaus.

Hoch ging es am Abend in Tanga her. Die Stadt hat eine ganze Reihe von Vorzügen. Zunächst liegt sie von allen Küstenorten Deutsch-Ostafrikas dem Mutterland am nächsten; sie bleibt also auch schon dadurch gewissermaßen das Einfallstor in die Kolonie. Sodann ist der Hafen nicht schlecht; die weite Bucht ist freilich nicht ganz so abgeschlossen wie die von Daressalam, doch gewährt auch sie ausreichendes Fahrwasser bis dicht unter Land. Das Wichtigste ist jedoch die Nähe Usambaras, dieser Perle an Klima und Fruchtbarkeit. Usambara hat nur einen Fehler: es ist nicht groß genug, um alle die aufzunehmen, die sich dort niederlassen möchten. Jetzt soll bereits aller verfügbarer Boden aufgeteilt sein, so daß für Nachzügler kein Land mehr vorhanden ist. Diese sitzen unten in Tanga oder gehen weiter nach Süden, um andere Plätze für ihre Betätigung zu suchen; auch der „Boom“ von Lindi war zum großen Teil auf diese Überfüllung des Nordens zurückzuführen. Wirtschaftlich liegt also der Schwerpunkt unseres ganzen Kolonialbetriebes einstweilen noch in diesem Nordosten. Das tritt übrigens schon im ganzen Habitus des Europäerlebens in Tanga zutage; viele Monate lang hat der würdige Pflanzer dort oben in den Bergen Usambaras gesessen, ohne rechte Gelegenheit, den Nachbar zu begrüßen; jetzt hat’s ihn gepackt: er muß einmal unter Menschen. — Wenig später sitzt er im Klub von Tanga.

Wo der Deutsche ist, gibt’s auch Musik. Daressalam genießt den Vorzug zweier Kapellen, der Matrosenkapelle von den beiden Kreuzern und der schwarzen Askarikapelle. Beide erfreuen sich einer offiziellen Förderung; gleichwohl konnte ich mich den schwarzen Musikanten gegenüber des Eindrucks nicht erwehren: „sie kunnten’s nit gar schön“; in jedem Fall war die Musik sehr oft mit viel Geräusch verbunden. In Tanga ist man nicht nur in wirtschaftlicher Beziehung gewohnt, sich auf eigene Füße zu stellen; auch die Knabenkapelle ist ein privates Unternehmen. Tanga ist Schulstadt par excellence; Hunderte von Eingeborenenkindern werden hier in die Anfänge europäischer Wissenschaft eingeführt und in die Geheimnisse des Deutschen eingeweiht. Sie radebrechen’s denn auch alle, die kleinen schwarzen Kobolde; die Intelligenzen unter ihnen, bei denen die weißen Lehrer musikalische Talente entdeckt zu haben glauben, werden in die berühmte Knabenkapelle gesteckt. Dieser geht es augenblicklich ausgezeichnet. Als wir Admiral-Reisenden uns am Abend auf dem Platz vor dem Klub einstellten, empfing uns eine Musik, die mich sogleich an eine deutsche Jägerkapelle erinnerte. Ich hatte recht, von irgendwelcher Seite waren der Kapelle Waldhörner gestiftet worden; diese gaben den ganzen Darbietungen jenen unverkennbaren Charakter. Gespielt wurde von den kleinen Kerlen gut, das läßt sich nicht leugnen; so gut, daß allen Ernstes die Anregung fiel, man solle die Kapelle nach Uleia überführen, damit doch wenigstens einmal etwas Ordentliches aus den Kolonien importiert würde. Afrika reizt zu schlechten Witzen.

Es mag an zuviel Old England gelegen haben, daß Weihnachten nicht so stimmungsvoll verlief, wie wir Deutsche das wohl männiglich erwartet hatten. Der Tannenbaum, der im Speisesaal in hundert elektrischen Lichtern erstrahlte, wurde von den Ladies und Gentlemen stumm, aber ohne großes Erstaunen genossen, etwa mit derselben Gemütsruhe wie das illuminierte Eis, das von jedem hohen Festtag an Bord unzertrennlich ist, und ohne das man von dem Dasein des Festtages gar nichts merken würde. Neujahr „liegt“ wieder uns Deutschen nicht; am Silvesterabend sind wir zwar gewohnt, uns mehr oder minder tief unter Alkohol zu setzen, eine tiefere Bedeutung sehen wir jedoch in dem bloßen Wechsel der Jahreszahl nicht. Auch das neue Jahr wird uns genug Sorge bringen, dessen können wir sicher sein! Getanzt haben freilich beide Nationen mit gleicher Begeisterung und Ausdauer. Draußen brüllt der Sturm, von Nordnordwest direkt dem Schiff entgegen, das am nächsten Morgen vor Suez Anker werfen soll; hoch oben aber schaut mein alter Freund von Mahuta, der Vollmond, vom Firmament hernieder. Über den weißen Mann wundert er sich schon längst nicht mehr; der hat das gräßliche Kelēle, das Geschrei der Schwarzen, für schön befunden; jetzt springt er sogar höchstselbst wie ein wilder Neger vom Makondehochland dort auf dem großen Schiff herum, von dem so etwas wie Musik ertönt. Sie kommt zwar diesmal von weißen Leuten, gleichwohl ist sie nicht viel schöner als der Ngomenschall vom Rovuma. Es ist nur gut, daß sie so rasch vom Sturme verweht wird. Schier verärgert deckt der alte Herr jetzt sein Antlitz zu; weißgraue Wolken gleiten in rasender Eile vor ihm dahin; vor ihm und gleichzeitig auch vor den zackigen, steilen Bergen der Arabischen Wüste zur Linken, unter denen wir in fast unheimlicher Nähe der Küste entlang nach Norden dampfen. Um Mitternacht die übliche Versammlung im Speisesaal, ein Gratulieren von Tisch zu Tisch, von Bekannten zu Bekannten, ein Anstoßen und Zutrinken mit dem perlenden Naß der Champagne — man ist drin im neuen Jahr und segelt in seine dunkeln Tiefen mit ebenderselben Eleganz hinein wie das gute Schiff in den Golf von Suez.

Am 1. Januar gegen Mittag habe ich in Suez den Boden Ägyptens betreten, um ihn erst vor wenigen Stunden wieder zu verlassen. Mich hat es getrieben, die Stätten der altägyptischen Kultur und diese Kultur selbst an Ort und Stelle zu studieren; deshalb hat es mich bald von Kairo und seiner Umgebung hinweggezogen nach Oberägypten hinauf, nach Luxor, Karnak und Dehr el Bahri. Auch klimatisch war Kairo für den Übergang aus den Tropen zum winterlich kalten Nordeuropa nur wenig geeignet; von den Ägyptenreisenden des „Admiral“ wurde einer nach dem andern unpäßlich, so daß die einen sich kurzerhand nach Deutschland einschifften, indem sie sich sagten: „Den Schnupfen hast du dort billiger“, wohingegen die anderen in Luxuszug und Schlafwagen nilaufwärts steuerten, um im herrlichen Wüstenklima von Assuan sich langsam und vorsichtiger wieder an das subarktische Klima von Uleia zu gewöhnen.

Der Staudamm von Assuan ist kulturgeschichtlich eine Barbarei, technisch eine anerkennenswerte Leistung, volkswirtschaftlich eine Großtat. In scharfen Kurven schlängelt sich die Schmalspurbahn zwischen Luxor und Assuan nilaufwärts. Der Nil fließt bald unmittelbar am Bahndamm, bald legt sich eine schmale Alluvialebene zwischen den alten, heiligen Strom und das neue, unheilige Beförderungsmittel. Dabei hat man immerfort das Gefühl: „Herrgott, ist das Ländchen schmal; wenn’s nur der Wind nicht einmal überweht und zudeckt.“ Plötzlich treten die kahlen Hügel zur Linken zurück; eine weite Fläche tut sich auf, erst ganz weit hinten von den scharfen Konturen der arabischen Wüstenberge begrenzt. Wüste ist auch diese Ebene selbst, doch wie lange noch! Wende dein Antlitz zur Rechten, o Fremdling; dort erblickt dein Auge einen großen Gebäudekomplex. Er ist gar nicht ägyptisch und gar nicht arabisch; nichts vom Schmutz fellachischer Unkultur haftet ihm an, er verkörpert vielmehr den reinsten europäisch-amerikanischen Fabrikstil. Ihn zeigt auch der himmelhohe Schornstein, der das Ganze krönt. Der schaut so fremd auf das Silberband des Stromes zu seinen Füßen, auf den schmalen, grünen Streifen zu beiden Seiten dieses Stromes, und auf das unendliche Sandmeer der Wüste im Osten und Westen hernieder, als müßte er sich fragen: „wie komme gerade ich mit meiner überschlanken Röhrenform in dieses Land, wo alles so wuchtig, schwer und massig ist, die Häuser, die Tempel, die Gräber und die Pyramiden?“ Eine dichte Rauchwolke entquillt dem Schlot. Wende deine Augen nach vorn; siehst du dort das Silberband strömenden Gewässers, das sich in schnurgeradem Kanal in der Ebene verliert? Siehst du fernerhin die Gräben und Rinnsale, in die sich von jenem Kanal aus das Wasser des heiligen Stromes verteilt, vollkommen gesetzmäßig und gehorsam dem Willen des menschlichen Geistes? Des Rätsels Lösung ist einfach; der Gebäudekomplex ist eine Pumpstation, angelegt, jene zur Wüste gewordene Ebene von neuem zu bewässern. Jetzt ist die Ebene noch vollkommen kahl; in wenig Monaten wird sie ein unabsehbares Ährenfeld sein, dessen Halme hundertfältige Frucht tragen.

Die wirtschaftliche Erschließung der öden Sandflächen des oberägyptischen Niltals ist die gegebene Parallele für unseren eigenen Kolonialbetrieb. Ohne einen festen Willen, ohne Kapital und ohne eine genaue Kenntnis des Landes und seiner Eigenschaften würde auch jene englische oder amerikanische Gesellschaft im Niltal nichts erreichen. Alle drei Faktoren tun auch uns not, sofern wir weiterkommen wollen in Ostafrika, in Südwest, in Kamerun und Togo. Nur ein kleiner Unterschied ist dabei; der im Laufe vieler Jahrzehntausende angehäufte Alluvialboden des Niltales bedarf lediglich der Berieselung mit dem belebenden Wasser desselben Stromes, dem er seine eigene Entstehung verdankt, um sofort wieder ein Kulturboden allerersten Ranges zu sein. Der in seiner Wasserführung weise geregelte Nilstrom ist der Zauberstab, der die Verwandlung unfruchtbarsten Ödlandes in den besten Acker in einem kurzen Augenblick vollzieht. Für das Pori und die Steppen Deutsch-Ostafrikas fehlt uns dieser Zauberstab. Freilich hat das Land Flüsse und Bäche in großer Anzahl, doch sind diese Flußläufe in ihrer Wasserführung einstweilen noch nicht reguliert; keiner von ihnen ist auch in jenem großartigen Maßstabe schiffbar wie die Lebensader des Pharaonenlandes. Im Laufe der Zeit wird auch bei ihnen das alles kommen; man wird den Pangani zu einer Verkehrsader gestalten und auch den Rufidyi, vielleicht sogar den Grenzfluß Rovuma; doch das ist Zukunftsmusik, die die lebende Generation nicht mehr zu hören bekommen wird. Auch der Boden Deutsch-Ostafrikas hält den Vergleich mit dem des Niltals nicht aus; er ist kein abgesetzter, humusreicher Alluvialboden, sondern ein im allgemeinen ziemlich mageres Verwitterungsprodukt anstehender Gesteine; der Zauberstab des netzenden Wassertropfens allein tut’s also bei ihm nicht. Gleichwohl ist die Wasserfrage, soweit ich es beurteilen kann, die Kardinalfrage unserer ganzen kolonialen Agrikultur. Bei Saadani sind sie gleich in die Vollen gegangen: mit Dampfpflügen bearbeitet man dort gewaltige Flächen; Baumwollkultur im großen soll dem amerikanischen Monopol ein Ende bereiten. Das ist alles gut und schön gedacht; die Temperaturverhältnisse sind günstig, auch der Boden ist für jene Kultur vollauf geeignet; nur ein Faktor ist unsicher: Deutsch-Ostafrika kann ebensowenig wie Indien mit voller Gewißheit auf normale Niederschlagsmengen rechnen; wenn aber einmal der Regen ganz ausbleibt, was dann?

Man hat den dunkeln Weltteil oft und gern mit einem umgekehrten Teller verglichen; sanft und sacht steigt das Land ringsum vom Ozean aus an; allmählich wird der Neigungswinkel größer; schließlich artet die Küstenebene in ein vollkommenes Randgebirge von bedeutenden Abmessungen aus. Doch den Gebirgscharakter haben diese Berge nur von der Küstenregion her; ist man über sie hinweggeschritten, so ergeht es dem Wanderer wie auf den Höhen des Harzes oder des Rheinischen Schiefergebirges: die vordem so stattlichen Berge sind verschwunden, unbehindert kann er den gesamten Horizont überschauen, denn auch jenseits des Schollenrandes ist er auf nahezu gleicher Höhe geblieben. Um bei dem Bilde des Tellers zu bleiben: er hat den schmalen Aufsatzrand überschritten und spaziert nun auf der wagerechten Fläche des Bodeninnern bequem dahin.

Mit dieser ganz eigenartigen Oberflächengliederung muß auch unsere Kolonialwirtschaft stark rechnen. Zunächst ist die geringe oder ganz fehlende Schiffbarkeit der Flüsse durch sie bedingt; des weitern bringt es der Charakter unseres Luftmeeres mit sich, daß der Hauptteil der Niederschläge an jenem Schollenrande niedergeht, hinter dem dann die Zone einer Art von Regenschatten anhebt, die manchen Landstrich, wie z. B. Ugogo und die Nachbargebiete, zu nicht übermäßig üppigen Gefilden stempelt. Immerhin ist der größte Teil dieses Innern von einer Bodenbeschaffenheit, die das Fortkommen und Gedeihen aller für das äquatoriale Afrika überhaupt in Betracht kommenden Nutzpflanzen sehr wohl gewährleistet. Der Pflanzer ist dort in der glücklichen Lage, mit dem belebenden Einfluß der ständig scheinenden Tropensonne zu rechnen; diese zaubert selbst aus dem Sande wohlbestockte Fruchtfelder hervor. Dort unten im Süden habe ich mich tagaus tagein davon überzeugen können.

Überhaupt jener Süden. Er ist bisher das Aschenbrödel unter allen Bezirken unserer Kolonie gewesen, und ich fürchte, er wird es auch fernerhin bleiben; auf ihm lastet das Vorurteil, er sei unfruchtbar, und das schreckt die amtlichen und auch die privaten Kreise von seiner Erschließung ab. Es ist richtig: fett ist weder der Boden des Makondehochlandes noch des Mueraplateaus, noch der weiten Ebenen, die sich hinter beiden Bergländern zwischen dem Rovuma im Süden und dem Mbemkuru oder dem Rufidyi im Norden erstrecken; Sand und Lehm und Lehm und Sand hier, und Quarzgerölle dort, das ist die Signatur des Ganzen. Dennoch haben wir durchaus keinen Anlaß, an diesem Süden zu verzweifeln; denn wenn der Neger in ihm sein gutes Fortkommen findet, ohne Düngung sogar und ohne jede andere Errungenschaft unserer hochentwickelten intensiven Feldwirtschaft, wenn dieser selbe Neger außerdem in der Lage ist, erhebliche Bruchteile seiner Ernten an Sesam, Erdnüssen, Kautschuk, Wachs, Körner- und Hülsenfrüchten auszuführen, so wäre es verwunderlich, wenn der Weiße aus jenem Gebiet nicht noch mehr herausholen sollte.